Therapie für Mütter mit Kind

von Redaktion

Neues Zentrum in Oberfranken ist deutschlandweit einmalig

Thurnau – Ramona Teufl geht mit ihrer Krankheit offen um. „Ich bin cannabisabhängig“, sagt die 35-Jährige. Seit etwa einem halben Jahr ist sie mit ihrer viereinhalbjährigen Tochter im DGD Mutter-Kind-Zentrum „Rückenwind“ in Oberfranken. Das Zentrum befindet sich neben dem Haus Immanuel, einer DGD Fachklinik für suchtkranke Frauen in Hutschdorf, einem Ortsteil von Thurnau im Landkreis Kulmbach.

Auch in der Vergangenheit war Teufl bereits in Langzeittherapien. Das Kind war damals in einer Inobhutnahmestelle des Jugendamtes. Nach einem Rückfall bekam sie einen Platz im Mutter-Kind-Zentrum in Hutschdorf. Dort kann sie die Zeit mit ihrem Kind verbringen.

Die benachbarte Fachklinik hat 60 Therapieplätze für Frauen. Die Einrichtung wurde 1907 als Suchtklinik gegründet, seit 1961 werden dort nur Frauen aufgenommen. Behandelt werden in erster Linie Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit. Im April 2023 wurde nebenan das DGD Mutter-Kind-Zentrum Rückenwind (MKZ) eröffnet. Dort gibt es zwölf Familienapartments auf zwei Etagen. Mitkommen dürfen Kinder bis 16 Jahre.

Der Bau des MKZ habe rund acht Millionen Euro gekostet, sagt Gotthard Lehner, Leiter der Fachklinik und Initiator des Mutter-Kind-Zentrums. Ein Großteil des Geldes kam von Förderern. „Die Frauen haben in ihren Beziehungen oft Gewalterfahrungen gemacht“, sagt Lehner. Außerhalb des Klinikgeländes könnten sich die Mütter und Kinder mit den Vätern treffen. Oft gebe es aber keinen Kontakt mehr.

Viele der Kinder seien anfangs verhaltensauffällig, berichtet die MKZ-Leiterin Monika Ohnesorge. „Man merkt, dass sie viel mitgemacht haben.“ In manchen Familien seien die Rollen vertauscht: Wenn sich die Mütter wegen ihrer Krankheit nicht gut um sie kümmern könnten, übernähmen Kinder manchmal mehr Verantwortung, als ihnen guttue. „Wir helfen, die Rollen wieder umzukehren.“

Im Mutter-Kind-Zentrum bleiben die Mütter und Kinder mindestens ein Jahr, nebenan in der Fachklinik meist 15 Wochen. „Die Entgiftung, die bereits vor dem Aufenthalt in der Fachklinik stattfindet, ist nur ein Teil der Therapie“, sagt Ohnesorge. „Bei uns geht es an den Hintergrund des Konsums: Was muss sich in meinem Leben ändern?“ Eine Rückkehr ins alte Umfeld sei oft schwierig bis unmöglich: Viele der Suchterkrankten mussten ihre Wohnung aufgeben. Kommen sie wieder mit Freunden oder Partnern zusammen, mit denen sie früher Alkohol oder andere Suchtmittel konsumierten, steigt die Rückfallgefahr.

Das MKZ hat 16 Mitarbeiter, fast alle in Teilzeit. Für die Mütter steht immer ein Ansprechpartner bereit, es gibt auch eine Nachtbereitschaft. Die Klientinnen sind am Vormittag meistens in Therapie, während der Nachwuchs in der Kita ist. Das können Gruppen- oder Einzelsitzungen, Psycho- und Sozialtherapien sowie Traumatherapien sein. Eine große Rolle spielen lebenspraktische Dinge wie Erziehungsberatung oder der Umgang mit Geld. Nachmittags gibt es eine Mutter-Kind-Therapie.

Das Konzept des MKZ sei seines Wissens bundesweit einmalig, sagt der Klinikleiter Gotthard Lehner. Die Besonderheit sei, dass es zwei sozialrechtlich getrennte Komplexe zusammenführt: die Eingliederungshilfe für die suchtkranken Mütter und die Jugendhilfe für deren Kinder. dpa

Kinder und Mütter bleiben mindestens ein Jahr

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