Hansrüdiger Fritz führt DB Regio Bayern. © DB Regio
Hansrüdiger Fritz (57) ist seit zehn Jahren Chef von DB Regio Bayern, ein Riesenbetrieb mit 4000 Mitarbeitern und 770 Zügen in ganz Bayern. DB Regio fährt im Werdenfels ebenso wie in Nürnberg (S-Bahn) und ist auch auf der Hauptmagistrale RE 1 München–Nürnberg unterwegs. Wie viele Branchen hat auch die Bahn in Bayern ein Arbeitskräfteproblem.
Herr Fritz, wie groß ist das Arbeitskräfteproblem bei DB Regio Bayern?
Wir brauchen überall mehr Leute. Bei DB Regio Bayern arbeiten insgesamt rund 1700 Lokführerinnen und Lokführer. Dazu gehören auch unsere Auszubildenden. Wir wollen eigentlich immer über Bedarf ausbilden, da wir eine gewisse Reserve benötigen. Das schaffen wir derzeit nicht. Wir suchen in diesem Jahr 140 neue Kolleginnen und Kollegen, die Züge fahren. Schwerpunktregionen sind Nürnberg, auch das Werdenfels. Ich möchte aber betonen: Im Moment fallen – abgesehen von kurzfristigen Krankmeldungen – keine Züge wegen fehlender Lokführer aus.
Suchen Sie nur Lokführer?
Nein, wir wollen in diesem Jahr auch 170 Kundenbetreuerinnen und -betreuer einstellen. Es gibt zudem einen großen Bedarf an Fachkräften in den Werkstätten. Hier konkurrieren wir in München mit der Automobilindustrie, in Kempten wiederum mit dem Mittelstand, der ja auch händeringend Leute sucht. Wir haben bei der Eisenbahn aus gutem Grund umfangreiche Sicherheitsvorschriften. Daher ist die Ausbildung in den Werkstätten hochspezialisiert und zeitintensiv. Deshalb können wir auch nicht einfach bei der Zeitarbeitsfirma anrufen und sagen: Schickt uns mal fünf Leute. Ausreichend Personal für Züge und Werkstätten zu finden, ist eine große Herausforderung.
Warum genau?
Ein Grund ist die stete Angebotsausweitung. Wir fahren seit 20 Jahren jedes Jahr mehr Zugkilometer. Darüber beklagen wir uns natürlich nicht, ganz im Gegenteil. Aber wir brauchen dafür auch ausreichend Mitarbeitende. Mit dem neu vereinbarten Arbeitszeitkorridor haben wir nun auch weitere Wahlmöglichkeiten für die Beschäftigen geschaffen.
Sie spielen auf das vereinbarte Optionsmodell an. Bis 2029 soll die Arbeitszeit um drei Stunden auf 35 Stunden sinken – wenn der Lokführer das will. Womit rechnen Sie?
Dass es sich die Waage halten wird. Entscheidend ist, dass die, die mehr arbeiten wollen, auch mehr verdienen. Ich kann mir vorstellen, dass viele ältere Kolleginnen und Kollegen es vorziehen, lieber weniger zu arbeiten. Wir wissen noch nicht, wie die neue Tarifvereinbarung genutzt wird, aber wir haben viel Vorlauf und auch viel Erfahrung durch unser Urlaubswahlmodell, das es schon gibt. Man kann hier zwischen null, sechs oder zwölf zusätzlichen Urlaubstagen wählen – bei entsprechend geringerem Lohn. Auf jede Kategorie entfällt etwa ein Drittel der Stimmen.
Spielt da auch Work-life-Balance eine Rolle?
Ich glaube, bei den Jüngeren schon. Die junge Generation ist eher nicht geneigt, in operative Tätigkeiten mit Schichtdienst reinzugehen, sondern die suchen sich andere Jobs. Mit dem Optionsmodell bekommen unsere Kolleginnen und Kollegen jetzt mehr individuellen Freiraum, das passt sehr gut in die Zeit.
Stört auch das ramponierte Image der Bahn bei der Suche nach Arbeitskräften?
Klar, das Image könnte besser sein. Aber die Menschen schauen sich den Arbeitgeber an. Und die Bahn ist ein fairer und guter Arbeitgeber. Ich habe selbst bei der Bahn gelernt, Industriemechaniker, ein klassischer Schrauber. Dann war ich als junger Ingenieur im Betriebsdienst am Bahnhof Bremen. Nicht nur damals, sondern auch heute ist die Bahn ein sicherer und krisenfester Arbeitgeber. Und nicht konjunkturabhängig. Wenn bei einem Automobilwerk eine Fertigungslinie dichtgemacht wird, kann es für die Leute eng werden. Wir merken das übrigens: Wenn die Konjunktur schwächelt, kommen mehr Menschen zu uns.
Sie suchen auch im Ausland?
Richtig. 2018 hatten wir eine erste Ausbildungsgruppe mit rumänischen Mitarbeitenden.
Lokführer aus Rumänien?
Ja. Sie haben eine Sprachausbildung bekommen und wurden nachgeschult. Wir haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Inzwischen sind 33 Lokführer aus Rumänien für uns im Einsatz. Diesen Weg wollen wir weitergehen. Wir haben eine Organisationseinheit für internationale Fachkräfte gegründet, angegliedert bei DB Regio Bayern, aber letztlich mit Zuständigkeit für ganz Deutschland. Wir haben zum Beispiel mit dem ägyptischen Verkehrsministerium auf der Bahnmesse Innotrans ein Abkommen geschlossen.
Wie lief das konkret ab?
In Ägypten fand ein Auswahlverfahren mit Einstellungsgesprächen statt. Im Dezember gab es dann ein Minipraktikum hier in München. Und im Juni starten bei uns nun 13 Menschen aus Ägypten mit einer 13-monatigen Quereinsteiger-Ausbildung zum Lokführer.
Welche Länder haben Sie noch im Blick?
Spanien, Griechenland, auch Indien. Neun Personen kommen aus der Ukraine, sie beginnen im Juni. 14 tunesische Abiturienten, darunter auch eine Frau, starten ab September eine Ausbildung für den Eisenbahner im Betriebsdienst mit der dreijährigen Ausbildung. Es sind zwei eigene Klassen mit zusätzlicher Sprachausbildung. Erste Deutschkenntnisse werden schon im Heimatland erworben. Ziel ist, dass wir jährlich bis zu 240 ausländische Fachkräfte für DB Regio bundesweit rekrutieren können. Also eine Art Spezialausbildung mit Sprachlerneinheiten. Die Bahn übernimmt hier auch eine soziale Verantwortung. Wir helfen beim Ausfüllen von Kindergeldanträgen ebenso wie bei der Wohnungssuche. Klar ist: Man kann nicht einfach ausländische Arbeitskräfte hierherholen und sie dann alleine lassen. Wir möchten die Menschen, die zu uns ins Unternehmen kommen, eng begleiten und unterstützen, damit es für beide Seiten eine Win-Win-Situation wird.