Mit einem Seil werden die schweren Steine in den Ofen hinabgelassen. © Effner
Muskelkraft und Teamwork sind dabei gefragt. © Effner
Der Ofen wird für die Kalksteine angeheizt. © Danzl
Das ganze Dorf hilft mit: Die Kalksteine werden über Monate gesammelt und zum Ofen gebracht. © Axel Effner
Dieperting – Dieperting ist ein kleiner Weiler im Chiemgau. Eigentlich geht es dort eher idyllisch zu. Doch alle fünf Jahre herrscht in dem Ort Ausnahmezustand. Und nächste Woche ist es wieder so weit. Alle helfen dabei mit, einen gewaltigen Erdofen zu befüllen, um darin Kalk zu brennen. Begleitet von einem Festspektakel brennt und raucht das Ungetüm vier Tage lang bei 1000 bis 1200 Grad. Dann sind etwa 100 Ster Fichtenholz verfeuert und die bis zu 200 Kilo schweren Kalkbrocken im Ofen können nach dem Auskühlen zu Kalk weiterverarbeitet werden.
Bereits die Urgroßväter der Diepertinger haben nach alter Sitte hier Kalk gebrannt. Damit haben sie ihre Häuser gebaut, die Ställe gestrichen und gehandelt. „Dank der besonderen Geologie ist der Boden hier voller Kalksteine und im Umkreis von zehn Kilometern gab es früher acht bis zehn solcher Öfen“, erinnert sich der Landwirt Franz Gröll. Er war lange Zeit Vorsitzender des 30-köpfigen Vereins.
Bis Ende der 1950er-Jahre war der Kalkofen noch regelmäßig in Betrieb. Dann ließ günstigerer Industriekalk die schwere Plackerei unattraktiv werden. Doch der Kalkbrennerverein bewahrte die alte Handwerkskunst vor dem Vergessen: Er entzündete 1979 wieder ein Feuer. Seitdem wird in Dieperting alle fünf Jahre ein großes Kalkbrennerfest gefeiert. Dabei wird auch das alte Wissen weitergegeben. Alle helfen mit – die Sechsjährigen genauso wie die 75-Jährigen.
Bereits im März und April herrschte rund um den historischen Ofen reges Treiben. Die über das Jahr gesammelten Kalkbrocken wurden mit einem Bagger, einem Lastenkran und viel Körperkraft kunstvoll in dem Erdloch aufgehäuft. „Die Steine richtig einzupassen, aufzuschichten und so zu verkeilen, dass ein tragendes Gewölbe entsteht, erfordert viel Erfahrung und ist eine echte Kunst“, erzählt Toni Gröll.
Der gelernte Maurer ist Experte für Gewölbekonstruktionen und Inhaber eines Fachunternehmens. Der alte Kalkofen im Boden ist eine Art Silo mit einem Durchmesser von drei und einer Höhe von etwa vier Metern. Eine Rarität aus einer anderen Zeit. Er ist innen mit Steinen gemauert und außen mit Erde hinterfüllt, damit das Material dem Druck der Kalksteine standhält. Die Steine so aufzuschichten, dass der Druck möglichst nach außen abgeleitet wird, erfordert viel Umsicht. Diese Konstruktion hat die Form eines Iglus, das so stabil ist, dass sich rund 700 Zentner Kalkstein darauf aufschichten lassen. Von diesen bleiben nach dem Brand 350 Zentner übrig – 17,5 Tonnen Kalk.
Ist das tragende Gewölbe fertig, kann mit dem Auffüllen des Ofens begonnen werden. Jeder Stein wird genau passend platziert. Ist der Kalkofen gefüllt, wird oben der Gupf aufgesetzt. Der besteht aus kleineren Steinen, die sorgfältig angeordnet werden müssen. Vor dem Anzünden des Kalkofens wird der Gupf mit Stroh abgedeckt und mit Kalkmörtel gut abgedichtet, damit die Hitze nicht ausströmen kann. Ist alles fertig, wird das unter dem Steingewölbe aufgeschichtete Holz von außen durch das sogenannte Schürloch mit Feuer entzündet.
Danach ist langer Atem gefragt. In vier Sechs-Stunden-Schichten zu jeweils drei Mann wird Feuerwache gehalten: Holz nachlegen, Glut kontrollieren und aufpassen, dass das Schürloch frei bleibt. Die Hitze macht durstig. Deshalb haben die Kalkbrenner auch Bierbänke aufgebaut und eine Bar geschreinert. Hier wird die eigens gebraute Hoaza-Hoibe ausgeschenkt. Dazu wird Selbstgebrannter gereicht.
Während im Ofen die Kalksteine glühen, werden daneben im eigens errichteten Holzbackofen Spezialitäten angerichtet. Die Frauen der Kalkbrenner sorgen dort für den Kraftnachschub nach der schweißtreibenden Arbeit.