INTERVIEW

Wie der Krebs mein Leben verändert hat

von Redaktion

Kerstin Schreyer (CSU) spricht über Heilung und das Ziel, mindestens 80 zu werden

Sie strahlt wieder: Kerstin Schreyer im Mai vor dem Landtag. Die CSU-Politikerin hat eine Brustkrebs-Erkrankung überstanden. Sie arbeitet wieder 60 Stunden die Woche, aber nimmt sich auch Pausen. © Achim Schmidt

München – Es traf sie urplötzlich, bei einer Routine-Untersuchung: Diagnose Brustkrebs. Was dann folgte, war für die gebürtige Münchnerin Kerstin Schreyer (52) eine extrem schwierige Zeit ihres Lebens: Operation, Strahlentherapie, starke Erschöpfung. Die ehemalige CSU-Ministerin machte ihre Erkrankung rasch öffentlich und nahm keine öffentlichen Termine mehr war. Bereits Ende des letzten Jahres ging es ihr wieder besser, sie war tumorfrei, doch noch weit von ihrer alten Kraft entfernt. Heute, nach knapp einem Jahr, trafen wir die Politikerin, die heute stellvertretende Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses im Landtag ist, wieder.

Wie geht es Ihnen heute?

Im Moment so gut wie selten. Ich bin tumorfrei – das ist für mich ein wunderbares Wort. Wie sagte mein Arzt: Ich hatte Krebs. Ich werde noch ein Kur machen, weil es ist wichtig, dass man sein neues Verhalten festigt. Und ich will mobiler werden, weil ich mit dem rechten Arm noch etwas eingeschränkt bin und leidenschaftlich gerne schwimme. Dort wurden ja die Wächter-Lymphen rausgenommen.

Was haben Sie in Ihrem Leben geändert?

Da ich über 80 werden will, habe habe ich mich entschieden, manche Dinge nicht zu tun oder anders: Ich schlafe wesentlich mehr, ich mache mehr Sport, versuche jeden Tag mehr Schritte zu gehen und auch möglichst wenig Alkohol zu trinken. Ich habe vor, dass ich den Krebs für immer besiegen werde. Meine Eltern sind beide 80 geworden, ich will die Marke knacken und dafür muss man halt was tun.

Zum Beispiel?

Ich priorisiere anders. Ich glaube, dass mancher Termin auch ohne mich stattfinden kann. Ich habe auch ein Recht abzusagen. Aber ich bin ein Politiknerd, ich mache es einfach gerne und sicher wieder zu viel. Ich kann da auch nicht aus meiner Haut, dafür bin ich zu pflichtbewusst. Wenn zum Beispiel Tag der Offenen Tür im Landtag ist, dann will ich auch da sein als Abgeordnete. Also ganz werde ich mich nicht ändern, aber ein bisschen mehr Zeit in mich und meine Gesundheit investieren.

Sie sagten, Sie hätten sich früher zu wenig Zeit für sich und ihren Körper genommen. Wie ist es heute?

Ich bin engmaschig zur Kontrolle bei zahlreichen Ärzten, weil die Medikamente auch Nebenwirkungen haben können, die ich zum Glück nicht spüre.

Wie viel arbeiten Sie?

Weiterhin 60 Wochenstunden, aber nur noch die 60, früher waren es mehr. Und es sind viele schöne Termine mit netten Menschen dabei. Das ist unter anderem mein Job, Menschen zuzuhören und daraus politisches Handeln abzuleiten. Gerade für uns Politiker ist es nicht schlecht, wenn man mal durch so eine Mühle gegangen ist und lernt, noch mehr zu verstehen.

Wie haben Sie sich verändert?

Wenn man durch so eine Krebserkrankung gegangen ist, verändert man sich auch von der Persönlichkeit her, nämlich dass man weiß, was wirklich wichtig im Leben ist: Menschen. Ich habe das große Glück, dass ich tolle Menschen um mich herum habe. Es ist nicht selbstverständlich, dass Familie und Freunde so hinter einem stehen. Dass sie einen mittragen.

Wer hat sie unterstützt?

Meine Tochter stand ganz eng bei mir. Sie hat es mir gezeigt: Wir schaffen das gemeinsam. Und Freunde, die mit mir den Weg gegangen sind. Und auch in der Fraktion gab es viel Kollegialität.

Was können Sie betroffenen Frauen mit auf dem Weg geben?

Man muss den Mut haben, sich einzugestehen, dass man nicht sofort wieder voll funktionsfähig ist. Krebs ist nicht immer ein Todesurteil, es kann auch heißen, dass man ihn überwindet. Und dass man gestärkt darauf hervorgeht, vom eigenen Verhalten, vom Weltbild, von der Psyche, von der Persönlichkeit her. Ich wünsche jeder und jedem, dass sie den Mut nicht verlieren, sondern kämpfen, weil es sich lohnt, um dieses wunderbare Leben zu kämpfen.

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