Wie gesund ist unsere Milch?

von Redaktion

Das Getränk ist besser als sein Ruf, aber Vorsicht vor Social-Media-Trend

Hafermilch & Co.: Verschiedene pflanzliche Milchersatz-Produkte stehen in einem Supermarkt-Regal. © Sina Schuldt/dpa

Frische Milch ist besonders für Kinder wichtig für das Knochenwachstum. Kinder, die keine Milch trinken, müssen diesen Nährstoffbedarf durch Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen decken, sagen Ökotrophologen. © Getty Images

München – Rohmilch liegt im Trend. Viele Bauern bieten frische Milch vom Hof an Zapfstationen zum Selbstabfüllen an. Auch in den sozialen Netzwerken ist sie gerade angesagt. Schwangere Frauen werden hier sogar aufgefordert, sie „zum Wohle des Kindes“ zu trinken. Ein gefährlicher Trend, sagen Experten. Doch abgesehen davon ist die Milch gesünder als ihr Ruf. Ein Überblick.

■ Ist Rohmilch gefährlich?

Wer Rohmilch direkt beim Erzeuger holt, kauft für einen fairen Preis ein naturbelassenes Lebensmittel, vermeidet lange Transportwege und Verpackungsmüll. Liebhaber schwärmen vom intensiveren, sahnigeren Geschmack. So weit, so gut. Seit dem 19. Jahrhundert übernimmt die Pasteurisierung von Rohmilch aber eine wichtige Aufgabe. Wird sie 15 Minuten lang auf 72 Grad Celsius erhitzt, sorgt das dafür, dass eventuell vorhandene Mikroorganismen abgetötet werden und sich Keime nicht vermehren können. Früher bekämpfte man so die Ausbreitung von Tuberkulose. Heute etwa die Übertragung des Vogelgrippevirus H5N1. Zudem kann Rohmilch Krankheitserreger wie Salmonellen, Listerien, EHEC und Campylobacter enthalten, die bei Menschen schwere Infektionskrankheiten auslösen können.

■ Wer sollte besser auf Rohmilch verzichten?

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit empfiehlt: „Empfindliche Personengruppen wie Kleinkinder, ältere und immungeschwächte Menschen sowie Schwangere sollten wegen der Keimbelastung auf Rohmilch verzichten.“ Bei einer Untersuchung fand das BVL in bis zu fünf Prozent von rund 360 untersuchten Proben potenziell gefährliche Keime. In zehn Prozent wurden multiresistente Bakterien nachgewiesen, die akute Darmentzündungen oder Nierenprobleme auslösen können. Schwangere sollten auf Rohmilch genau wie auf rohes Fleisch und rohen Fisch verzichten, weil die hormonellen Veränderungen die Immunabwehr schwächen und sie so besonders für Toxoplasmose-Erreger und Listerien empfänglich sind. „Rohmilch sollte vor dem Verzehr 20 bis 30 Sekunden lang auf mindestens 72 Grad erhitzt werden“, erklärt die Verbraucherzentrale Bayern. „Sobald sie kleine Blasen schlägt und schäumt, vom Herd nehmen.“

■ Ist Milch ungesund?

„Nein“, sagt Dr. Martin Kussmann entschieden. Der Biochemiker ist Leiter der Abteilung Ernährungswissen und Innovation am Kompetenzzentrum für Ernährung in Freising. Das Staatsministerium für Landwirtschaft und Ernährung hat die Einrichtung vor rund zehn Jahren zur Erforschung und Verbesserung des bayerischen Ernährungssystems gegründet. „Für alle, die nicht laktoseintolerant oder allergisch auf Milchproteine sind, ist Milch förderlich für das Knochenwachstum und beugt Diabetes, ja sogar Krebs vor.“ Sie stecke voller wertvoller Fette und Eiweiß, sowie Kalzium, Vitamin B2 und B12, Vitamin A, Eisen, Magnesium, Zink und Jod. Kussmann empfiehlt pasteurisierte Frischmilch – in der Vollfett-Variante.

■ Wie viel Milch ist gesund?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat heuer die Empfehlungen für Milch und Milchprodukte nach unten korrigiert: von drei auf zwei Portionen pro Tag. Das entspricht einem Glas Milch und einem Joghurt pro Tag, oder einem Joghurt und einer Scheibe Käse. Woher die neuen, nicht unumstrittenen Richtwerte rühren? Die DGE hat neben Gesundheitsaspekten erstmals Umweltauswirkungen und neue Verzehrgewohnheiten berücksichtigt.

■ Hat Milch ein Image-Problem?

Über die Haltungsbedingungen der Milchkühe wird schon seit Langem diskutiert – vor allem wenn die Tiere ganzjährig angebunden sind. Seit einiger Zeit kommt auch immer wieder die Frage auf, ob Milch sich ungünstig auf die Gesundheit auswirkt. Sie soll Blutdruck und Cholesterin erhöhen, also dem Herz schaden. Das Kompetenzzentrum für Ernährung arbeitet hierzu an einer Studie – und hat einen aussagekräftigen Zwischenstand veröffentlicht. „Der Vorwurf ist ein Mythos“, sagt Kussmann. „Milch oder Milchprodukte haben keinen negativen Einfluss auf diese und andere Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dabei ist es egal, ob die Studienteilnehmer fettarme oder Vollfettprodukte verzehrten.“

■ Sterben Milchtrinker aus?

Der Milchverbrauch in Deutschland nimmt stetig ab. Der Pro-Kopf-Verbrauch lag 2023 bei rund 46 Kilogramm. Mitte der 1990er-Jahre bei um die 60. Das Statistische Bundesamt führt Deutschland aber noch als größten Kuhmilch-Produzenten der EU. Das Ende der Kuhmilch ist also weit entfernt: Laut Gesellschaft für Konsumforschung kaufen fast 93 Prozent der Haushalte weiter H- und Frischmilch, nur eben weniger.

■ Kann Pflanzenmilch Milch das Wasser reichen?

Hafer-, Soja- oder Mandelmilch – Experten wie Martin Kussmann sprechen bewusst von „Ersatz“, nicht „Alternativen“ – werden immer beliebter. Menschen, die sich vegetarisch oder vegan ernähren, sind keine Randgruppe mehr. „Aber was die Qualität der Nährstoffe anbelangt, sind die pflanzlichen Ersatzprodukte keine Konkurrenz“, sagt Kussmann. „Es kommt darauf an, was der Konsument will. Sie haben meist weniger Kalorien und mehr Ballaststoffe.“
SCO

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