Das Organisationsteam: Marille Mühlhuber, Petra Herbert-Klemmer, Elisabeth Schmid und Mesnerin Anita Berthel (v.l.). © cm
An einem prachtvollen Blumenteppich zog die Fronleichnamsprozession 2022 in Rott am Inn von der Kirche aus vorbei. © Klemmer
Rott am Inn – Mit Schneebällen wird das heuer wohl nichts an Fronleichnam in Rott am Inn (Kreis Rosenheim). Nicht, dass Marille Mühlhuber einen Wintereinbruch zum Feiertag herbeisehnen würde: Die im Pfarrgemeinderat von St. Peter und Paul für die Festgestaltung zuständige Ehrenamtliche spricht vom Echten Schneeball, botanischer Name Viburnum opulus, der kürzlich bei einem kräftigen Unwetter total verhagelt wurde. Die weißen Blütenbälle hätten sich toll gemacht in den Blütenteppichen, die zu Fronleichnam in der Gemeinde gelegt werden.
Fronleichnam ist ein Hochfest in der katholischen Kirche, das am zweiten Donnerstag nach Pfingsten gefeiert wird. Im Mittelpunkt steht das geweihte Brot, die sogenannte Hostie, als Symbol für die Gegenwart Christi. Fronleichnam ist das „Hochfest des Leibes und Blutes Jesu Christi“. In Prozessionen wird die Monstranz mit der Hostie vom Priester unter einem Stoffbaldachin, dem sogenannten Himmel, unter Gebeten und Gesang der Gläubigen durch die Straßen getragen.
In Rott am Inn sind Blumenteppiche zu Fronleichnam in und vor der Kirche sowie entlang des Prozessionswegs eine alte Tradition. In den vergangenen Jahren hatte vor allem die Pfarrhaushälterin Lidwina Geltinger, eine gelernte Floristin, mit Herzblut die Organisation übernommen. Bis zu zehn Meter lange Kunstwerke wurden gezaubert. Eingerahmt von bunten Ornamenten zierten Glaubenssymbole wie ein Messkelch, das Lamm Gottes, die Taube oder das Kreuz den Platz vor den Altären. Als aber die Pfarrhaushälterin nach Mühldorf umgezogen war, stellte sich die Frage, ob damit die schöne Tradition in Rott am Inn verblühen würde.
Der Vertretungspfarrer stellte es der Gemeinde frei. Doch die Ehrenamtlichen hat der Ehrgeiz gepackt: Diese lieb gewordene Tradition, die jedes Jahr zahlreiche Menschen anlockt, sollte nicht sterben. Jetzt hofft das Organisationsteam, dass zum Feiertag genügend Blüten aus Privatgärten und Gärtnereien zusammenkommen: Rosen, Margeriten, Lupinen, Kornblumen, Ginster, Holunderblüten, Rhododendron und alles Weitere, was im Frühsommer gedeiht. „Vielleicht sind sogar noch rosafarbene Pfingstrosen dabei“, hofft Mühlhuber. „Die roten sind schon rum“, weiß Pfarrgemeinderatsvorsitzende Elisabeth Schmid. Am heutigen Mittwoch geben Gartenbesitzer die frisch gepflückten Blüten ab. Sie werden mit Wasser besprüht und im Kühlraum des Altbürgermeisters oder im schattig-kühlen Seitentrakt der Kirche gelagert. Auch die Bauern der Gemeinde sind eingespannt. Sie bringen frisch gemähtes Gras, das die Grundlage für die Teppiche bildet – denn die filigranen Kunstwerke sind zart und damit anfällig für kräftige Windstöße.
Am Fronleichnamstag morgens um fünf müssen die Helfer aus den Federn. Übrigens nicht nur Frauen, auch männliche Ministranten sind dabei. Es bilden sich kleine Gruppen, die sich jeweils ein Segment vornehmen. „Die Motive entstehen beim Legen der Blüten“, sagt die Pfarrgemeinderatsvorsitzende. „Man schöpft aus den Blumen, die da sind.“ Die Zwischenräume werden mit Farnblättern ausgefüllt, die Ränder mit Funkienblättern begrenzt, so dass ein üppiges Bild entsteht. Dann flugs nach Hause, ins Dirndlgewand und die Lederhosen und dann zum Gottesdienst um 9 Uhr. Danach zieht die Prozession ins Freie – vorsichtig um die Blütenbilder herum.
Den Blütenteppich zu betreten, verbietet sich von selbst – wie könnte man auch diese Kunstwerke mit Füßen treten? Trotzdem, Marille Mühlhuber hat schon den ein oder anderen Schaulustigen ertappt, der nachmittags beim Fotografieren auf die Blüten gestiegen ist. Eine deutliche Ansage war ihm gewiss.
In der Vergangenheit war es manchmal schwierig, genügend Ehrenamtliche für die schöne Tradition zu finden. „Aber in den letzten Jahren sind es wieder mehr geworden“, sagt Marille Mühlhuber. Mit 20 Helfern rechnet sie. Wenn die Teppiche fertig sind und Blüten übrig bleiben, dann werden sie den kleinen Kindern in ihre Körbchen für die Prozession gelegt. Sie gehen vor dem Himmel mit dem Allerheiligsten und streuen die Blümchen auf den Weg. Jetzt kann nur das Wetter den Blütentraum von Rott noch platzen lassen. CLAUDIA MÖLLERS