Sargträger dringend gesucht

von Redaktion

Früher war es eine Ehrensache, dass Männer im Ort bei einer Beerdigung den Sarg zum Grab tragen

Vier bis sechs Sargträger werden für eine Beerdigung gebraucht. Doch sie fehlen in vielen Gemeinden. © Picture Alliance

Weilheim/Geretsried – Thomas Buchner beobachtet es schon lange: „Die Menschen wollen weniger mit dem Tod zu tun haben.“ Gestorben wird natürlich trotzdem. Doch es wird immer schwieriger, Sargträger für die Beerdigungen zu finden. Nicht nur in Weilheim, wo Buchner das Standesamt leitet. „Die Stelle ist bei uns immer ausgeschrieben“, berichtet er. Bewerber gibt es kaum. Vermutlich auch deshalb, weil der kleine Nebenverdienst von gut 500 Euro für viele nicht mehr attraktiv genug ist, vermutet Buchner. „2011 hatten wir in Weilheim noch sieben Sargträger“, erzählt er. „Heute sind es noch drei.“ Häufig helfen die Grabmacher, Friedhofsverwalter oder auch mal Gemeindemitarbeiter aus, sodass die nötigen sechs Personen zusammenkommen. „Wir müssen froh sein, dass wir überhaupt noch drei haben“, sagt Buchner. Aber auch die werden irgendwann altersbedingt aufhören. „Für junge Menschen ist die Aufgabe schwierig mit dem Beruf vereinbar.“ Beerdigungen finden schließlich meist vormittags statt. „Deshalb brauchen wir fitte Rentner, die sich ein bisschen dazuverdienen wollen.“ Doch die melden sich nicht auf die Stellenausschreibung.

Auch Jörg Freudensprung vom bayerischen Bestatterverband beobachtet die Entwicklung seit einiger Zeit mit Sorge. „Uns erreichen immer wieder Hilferufe von Gemeinden oder Anfragen, wie andere Kommunen das Problem lösen“, berichtet er. Viele Tipps kann er nicht geben. Manchmal helfen Kooperationen mit anderen Gemeinden oder der Bestatter untereinander, sagt er.

Jahrzehntelang haben Vereinsmitglieder oder Feuerwehrkameraden den Sarg getragen. Oder „Rentnertrupps“ übernahmen diese Aufgabe ehrenamtlich für einen Verstorbenen. „Häufig bekamen sie danach als Dank 50 Euro in die Hand gedrückt“, berichtet Freudensprung. So unkompliziert ist es schon lange nicht mehr. Zum einen, weil die Gesellschaft anonymer und älter wird. Oft fehlen Weggefährten, die den Sarg noch tragen könnten. Und: „Viele ehrenamtliche Sargträger sind durch das Haftungsrecht vergrätzt worden.“ Er hat ein Beispiel: „Ist früher was schiefgegangen, hat man drüber geschmunzelt und danach einen ausgegeben. Heute wird gleich geklagt. Dann kommt die Frage auf, wie die Grabträger geschult wurden.“ Die Lastenhandhabungsverordnung zum Beispiel regelt, dass jeder nur 45 Kilo heben muss. Manche Verstorbene seien aber schwerer als andere, sagt Freudensprung. „Wer muss haften, wenn sich einer das Kreuz verknackst?“ Fragen wie diese kommen immer häufiger auf. „Es gibt viele gute Regelungen und es ist nachvollziehbar, dass sich alle absichern wollen“, betont er. „Aber manchmal schießen wir dabei übers Ziel hinaus.“

Grundsätzlich sind Bestattungen eine Pflichtaufgabe der Gemeinden, erklärt Freudensprung. Meist haben die Städte ein festes Personal als Sargträger. Auf dem Land, wo nicht jeden Tag Beerdigungen stattfinden, ist diese Aufgabe auf die Bestatter übergegangen. Die meisten haben ihre Träger – doch auch dort macht sich der Personalmangel bemerkbar. Auch das Bestattungsunternehmen Klein in Wolfratshausen und Geretsried hat Stellenanzeigen aufgegeben, um Sargträger zu finden. „Aktuell können wir die Beerdigungen gerade noch stemmen“, sagt Amelia Balan. „Aber sobald ein Sargträger krank wird oder im Urlaub ist, wird es schwierig.“ Bisher hat die Anzeige noch nicht dabei geholfen, Verstärkung zu finden.

Dabei sind die Anforderungen an Sargträger eigentlich überschaubar: „Sie sollten körperlich belastbar und zuverlässig sein sowie ein souveränes Auftreten haben“, heißt es in den Stellenanzeigen. Aber sie müssen auch fit genug sein, um 45 Kilo oder mehr tragen zu können, ergänzt Jörg Freudensprung. Dazu komme, dass Beerdigungen für einige Menschen auch emotional sehr belastend seien. Und es wird unterschiedlich viel gestorben. Mal gibt es einen Monat ohne Beerdigungen, sagt Freudensprung. „Dann wieder 20 in vier Wochen.“ Die 520 Euro bekommen festangestellte Sargträger für zehn Beerdigungen im Monat. Auch da macht es die Bürokratie manchmal schwer. „Man könnte sagen: Es gleicht sich aus, dass es mal mehr, mal weniger sind. Aber es ist rechtlich nicht erlaubt, Sargträger mehr als zehnmal im Monat einzusetzen.“

Jörg Freudensprung ist überzeugt, dass das Problem die nächsten Jahre noch größer werden wird. Wenn noch mehr „Rentnertrupps“ wegfallen. Ein klein wenig entschärft wird die Situation dadurch, dass die Beerdigungsfrist in Bayern von vier auf acht Tage erhöht wurde. Zwar nicht wegen des Sargträger-Problems. „Aber es macht es leichter, eine Beerdigung zu planen und genug Sargträger dafür zu finden.“

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