Der SUP-Doktor und seine Bretter-Werkstatt

von Redaktion

Wenn alle Löcher repariert sind, pumpt Green die Boards auf.

Der erste Schritt: Das SUP-Board wird auf der Werkbank fixiert.

Gefragter Helfer: Michael Green repariert in seiner Werkstatt Stand-up-Paddle-Boards aus ganz Deutschland. © Andrea Jaksch (3)

Dießen – Hoch konzentriert steht Michael Green vor dem großen Regal in seiner Werkstatt. Er geht in die Hocke, schiebt ein paar der Stand-up-Paddle-Boards beiseite und greift zielsicher nach einem blauen Board. „Ist es das?“, fragt er die Kundin. Als die nickt, wuchtet er das Board auf den Verkaufstresen. „Das Loch konnte man tatsächlich reparieren?“, will die Frau wissen. „Selbstverständlich“, antwortet Green und schmunzelt. Er überreicht der Dame einen Flyer mit Tipps zur Pflege des SUPs, wie die Boards umgangssprachlich heißen. Während die Frau bezahlt, blättert Michael Green durch sein Auftragsbuch. Den entsprechenden Eintrag kennzeichnet er als abgeholt. Viel Zeit verliert er dabei nicht, zu viele weitere Boards warten noch heute darauf, von ihm repariert zu werden.

Michael Green lebt mit seiner Ehefrau Melly und den beiden Söhnen Alan und Jonah in Raisting – in unmittelbarer Nähe zum Ammersee. Hier wird im Sommer nicht nur viel geschwommen, sondern auch gepaddelt. Vor allem seit dem Lockdown sind die aufblasbaren Stand-up-Paddle-Boards in ganz Deutschland im Trend. Aufgepumpt sind die Kunststoff-Boards steinhart, nach dem Paddeln kann man einfach die Luft rauslassen und das Brett im Rucksack transportieren. Doch was, wenn das Board plötzlich an Luft verliert oder ein Loch hat? Dann kommt Michael Green ins Spiel. Im April des vergangenen Jahres eröffnete er in Dießen seine eigene Werkstatt für defekte aufblasbare SUP-Boards. In Deutschland gibt es gerade einmal eine Handvoll solcher Werkstätten. Nicht überraschend also, dass seine Kunden nicht nur aus der Umgebung kommen. „Ich bekomme auch Boards aus Berlin oder Hamburg zugesendet“, erzählt Green.

Zu Beginn eines jeden Auftrags geht es darum, die Problemstelle am Board zu finden. Dafür sind der Schraubenzieher und eine Sprühflasche voller Wasser sein wichtigstes Werkzeug. Während er die oberste Schicht des Boards mit dem Schraubenzieher anhebt, sprüht er das Wasser hinein. Wo sich Luftblasen bilden, ist das Board undicht. Im Moment liegt ein rotes SUP auf der Werkbank seiner 85 Quadratmeter großen Werkstatt. Die Vorrichtung zum Einhängen eines Windsurf-Masts hat sich gelöst. „Eine häufige Schwachstelle der Bretter“, sagt Green, während er fast schon liebevoll über das Board streicht. Für den 41-Jährigen jedoch kein Problem. Allgemein ist seine Erfolgsquote hoch. „In 95 Prozent der Fälle kann ich ein Board reparieren. Die einzigen Ausnahmen sind SUPs, bei denen der Kleber zu alt ist oder die Fäden im Inneren gerissen sind“, erklärt der gebürtige Münchner, während er das rote Board aufpumpt – ein Markenprodukt für 800 Euro. „Bei mir werden viele hochwertige Boards eingereicht“, erzählt er und ergänzt: „Die Besitzer betrachten es als richtiges Sportgerät und wollen es unbedingt wiederhergestellt haben, während die billigen SUPs vom Discounter häufig eher als Luftmatratze gesehen werden.

Mittlerweile hat er das reparierte rote Board vollständig aufgepumpt. „Ein Luftdruck von 15 psi, also knapp über einem Bar, ist bei vielen SUPs die Norm“, so Green. Für die nächsten 24 Stunden wird er es zum Drucktest bei sich in der Werkstatt lagern. „Damit gehe ich sicher, dass das Board nicht beim Kunden platzt“, erklärt er. Besteht es den Test, informiert er am nächsten Tag den Besitzer, dass das Board abholbereit ist beziehungsweise bald versendet wird. Aktuell arbeitet Green an fünf bis sechs Boards parallel. Der arbeitsreichste Monat ist für ihn der Juli, da vertrauen ihm an die 100 Menschen ihre aufblasbaren Bretter an. Im Januar und Februar sind es gerade mal zehn. Für seinen Traum von der SUP-Werkstatt hat der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann alles auf eine Karte gesetzt. Früher baute er nur nebenbei Surfbretter, nun arbeitet er Vollzeit in seiner eigenen Werkstatt direkt am Dießener Bahnhof. Mittlerweile hat er sogar einen Helfer angestellt. Wegen der wenigen Aufträge in den Wintermonaten ist er auf hohe Einnahmen im Sommer angewiesen. Zwar hat seine Werkstatt ganzjährig geöffnet, im Winter vergehen aber auch Tage ohne einen einzigen Auftrag. Das ganze Jahr über die Runden zu kommen, sei schwierig. „Im Sommer gibt es extrem viel Arbeit, im Winter dann aber natürlich sehr wenig Geld“, erklärt er.

Bevor Green jedoch weiter über die Wintermonate nachdenken kann, betreten die nächsten Kundinnen die Werkstatt: zwei Frauen aus München, an deren Brett das Ventil nicht mehr richtig einrastet. Sie sind extra aus der Landeshauptstadt hergefahren, um ihr SUP pünktlich zum Sommerurlaub fahrtauglich zu machen. „Können Sie das reparieren?“, fragt eine der beiden. „Selbstverständlich“, antwortet Green und schmunzelt.

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