Beim Start war noch alles in Ordnung: Lukas Seidelmann und Valentin auf dem Oberdeck. © privat
Die „Audace“ hing bereits mit dem Heck nach unten im Wasser, als die Küstenwache eintraf. Der Motorraum hatte ein Leck. © Vigili del Fuoco
Grado – Es sollte ein entspannter Ausflug nach Triest werden – doch für Lukas Seidelmann, seinen sechsjährigen Sohn Valentin und gut 70 andere Urlauber wurde die Schifffahrt aufregender, als sie sich gewünscht hätten. Die „Audace“ drohte auf halben Weg zu sinken. Alle Passagiere mussten vom Schiff gerettet werden – sie blieben aber unverletzt.
Schon auf dem ersten Stück der Strecke hatte Seidelmann gemerkt, dass die Fahrt durch den Golf von Triest rau werden würde. „Wir saßen zuerst auf dem Oberdeck, aber die Wellen waren so hoch, dass wir schon bald nach unten gegangen sind“, erzählt der Münchner. Im Unterdeck beobachtete Seidelmann kurz darauf, dass durch die Tür immer wieder Wasser nach drinnen schwappte. Nervös wurde er aber erst, als das Schiff plötzlich stockte, der Bug immer weiter hoch kam und das Heck nach unten sackte. Etwa vier Meilen vor der Küste war Wasser in den Motorraum der „Audace“ eingedrungen. Auf dem Schiff brach Unruhe aus, berichtet Seidelmann. Bei einigen Passagieren sogar Panik. Auch sein Sohn hatte große Angst, er versuchte ihn zu beruhigen. Alle Passagiere legten Rettungswesten an und mussten dann auf eine Rettungsinsel klettern. Auch das gestaltete sich bei dem hohen Wellengang schwierig, berichtet Seidelmann. Der Kapitän hatte einen May-Day-Notruf abgesetzt und dann als Letzter das Schiff verlassen. Er stürzte jedoch ins Wasser, als er auf die Rettungsinsel klettern wollte. „Wir konnten ihn schnell hochziehen“, erzählt der Münchner.
Auf der Rettungsinsel kämpften viele der Urlauber mit Übelkeit. Denn die Insel schaukelte extrem in den hohen Wellen. Am Himmel kreiste bereits ein Hubschrauber, die Küstenwache näherte sich der Insel mit vier Schnellbooten. Die waren aber zu klein, um alle Menschen an Bord zu nehmen. Seidelmann und den anderen blieb nichts anderes übrig, als noch etwa zwei Stunden weiter in den Wellen zu schaukeln, bis ein großer Schlepper eintraf und alle – mittlerweile klitschnassen – Urlauber an Bord nahm. Unter ihnen waren viele ältere Menschen, aber auch einige Kinder und ein Baby.
Auf dem großen Schiff beruhigten sich die meisten schnell wieder von dem großen Schreck. Valentin und sein Vater durften nach oben in die Steuerzentrale des Kapitäns. Diese Art Abenteuer gefiel dem Sechsjährigen deutlich besser. Zurück im Hafen von Grado wartete schon ein großes Empfangskomitee auf sie: Rettungskräfte, Krankenwagen, Polizei. „Wir wurden alle in Decken gewickelt und ins Krankenhaus gebracht“, erzählt Seidelmann. Das durften die Urlauber aber schnell wieder verlassen. Valentin bekam nach der ganzen Aufregung ein großes Eis zur Beruhigung. Inzwischen freut er sich schon darauf, nach dem Urlaub im Kindergarten von seinem Abenteuer auf der „Audace“ zu berichten. Der Schiffsname hätte übrigens nicht treffender sein können. Audace heißt auf Deutsch wagemutig. KATRIN WOITSCH