Das Lift-Loch im Umland

von Redaktion

An S-Bahnhöfen werden derzeit Aufzüge erneuert – mit Folgen für Gehbehinderte

Der Aufzug in Baldham wird erneuert. © Thomas Gautier

Alexander Cerwenka wird per Bus abgeholt, weil auch in Hebertshausen der Luft kaputt ist. © Roswitha Höltl

Rosa Hartmann (85) muss ihren Rollator wegen der Arbeiten am Aufzug immer rauf- und runtertragen. © Thomas Gautier

Baldham/Hebertshausen – Rosa Hartmann (85) hat starke Schmerzen im Rücken. Auch der Nerv in ihrem rechten Bein macht ihr zu schaffen. Die Baldhamerin kommt nur mit Rollator vorwärts. Und jetzt muss sie das Gerät auch noch täglich die Treppe rauf- und runtertragen. Der Grund: Am S-Bahnhof Baldham (Kreis Ebersberg) wird der Aufzug seit November 2023 erneuert. Weil er so alt ist. Heißt: Zum Bahnsteig geht‘s nur über die Treppe. Für Gehbehinderte eine Katastrophe. Wenn der Lift in Baldham fertig ist, steht die gleiche Prozedur in Vaterstetten eine Station weiter Richtung München an. Auch in Gronsdorf, zwei S-Bahn-Stationen weiter, wird seit 3. Juni ein neuer Lift gebaut – laut Bahn bis Ende 2024.

Baldham, Vaterstetten, Gronsdorf: Die S6 hat ein Lift-Loch! Und wie kommen die Passagiere hin und weg? Die S-Bahn empfiehlt: Wer in Gronsdorf raus will, soll weiter nach Trudering und von dort eine Station zurück nach Gronsdorf. Gleiches gilt für Baldham: Wer dort raus muss, soll laut Bahn stadteinwärts nach Vaterstetten und dort den Bus 451 nehmen. Für Rosa Hartmann ist das aber keine Lösung: „Wenn ein Kinderwagen oder ein Rollstuhl hinten im Bus steht, habe ich keinen Platz mehr. Und zu den Sitzen komme ich nicht, weil der Durchgang zu eng für den Rollator ist.“ Für sie sind die Arbeiten eine „Zumutung“, sagt Hartmann. „Ich verstehe ja, dass man einen neuen Lift baut. Ich bin ja selber schon darin stecken geblieben. Aber muss das ein Dreivierteljahr dauern?“

Nicht nur im Osten gibt‘s ein Lift-Loch. Laut Bahn werden derzeit zehn der insgesamt 110 Aufzüge im S-Bahn-Bereich erneuert. Gleichzeitig ist eine „einstellige Zahl“ gestört oder kaputt, so ein Sprecher.

Auch an der S2 wird gebaut – und das hatte für MS-Patient und Rollstuhlfahrer Alexander Cerwenka (43) aus dem Kreis Dachau Folgen. Der Prittlbacher, der seit Kurzem einen neuen Rollstuhl hat – elektrisch und 160 Kilo schwer – musste am Donnerstag zu einer Schulung nach München. Doch die Aufzüge an den Bahnhöfen in Hebertshausen und in Dachau sind derzeit außer Betrieb. Sein zweites Problem: Er fand keinen Fahrdienst, der ihn zum Bahnhof Röhrmoos, wo der Aufzug funktioniert, fahren konnte. Seine Rettung: Tanja Patti, Behindertenbeauftragte der Gemeinde Hebertshausen, die ihn mit dem Gemeindebus fuhr. Doch auch der Aufzug am Hauptbahnhof funktionierte nicht. Der Rollstuhlfahrer fuhr zunächst von ganz vorne nach ganz hinten – und stand vor dem defekten Aufzug . Also ein Umweg über den Marienplatz. Er fuhr wieder zurück ans andere Ende des Bahnsteigs, weil er mit seinem Rollstuhl nur im ersten Abteil in die S-Bahn einsteigen kann. Und irgendwann ging‘s dann mit der U-Bahn weiter. T. GAUTIER/N. OBERMEIER

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