Sommer, Sonne, Sardinien: Bomber Gerd Müller urlaubte in jungen Jahren in Italien.
Auf der Alm, da gibt‘s ein Bier: Urlauber bei Bad Wiessee in den frühen 80ern.
Schick auf der Schliersbergalm: Eine junge Dame bei der Sommerfrische im Jahr 1971. © Picture Alliance (3)
Wo geht‘s denn hier an die Adria? Ob es dieses Paar von der Oberpfalz über den Brenner geschafft hat, ist nicht bekannt. © Ullstein
München – Diese Reise wird Alexander Karl Wandinger niemals vergessen. Er ist fünf oder sechs Jahre alt, sitzt auf dem Rücksitz eines hellblauen Opel Rekord mit schwarzem Dach, die Familie fährt einen Tag und eine halbe Nacht – Richtung Süden. Nach Italien, nach Rimini, klar. Da wollen damals alle hin. Ankunft im Hotel Savelli, der Patron mit silbernem Haar steht schon vor der Tür und begrüßt die Gäste aus Bayern. Am Abend gibt es für den kleinen Wandinger die allerersten Nudeln mit Tomatensoße. „Unfassbar“, sagt er. Und dann das Meer! Die vielen Leute am Strand! Der Fischverkäufer, der fröhlich vor sich hinträllert. „So etwas hatte ich noch nie gesehen“, sagt er. Bella Italia, oh du schöne Urlaubszeit.
Heute ist Wandinger 57, eigentlich ist er beim Bezirk Oberbayern Experte für Trachten – aber er kennt sich auch aus mit der Geschichte des Fremdenverkehrs. Und er weiß, wie die Bayern in Sachen Urlaub auf den Geschmack gekommen sind. Wandingers erste Reise nach Italien ging damals schon über die Brennerautobahn. Die hat heuer 50-jähriges Bestehen gefeiert. Mit der Fertigstellung war Italien leichter erreichbar, wenn auch selten ohne Stau. Auto an Auto schob sich über die Alpen, aber die Sehnsucht nach Leichtigkeit war groß. Die schlimmen Kriegsjahre waren vorbei, der seit dem Wirtschaftswunder gewachsene Wohlstand ermöglichte auch einfachen Leuten ein bisschen Luxus. Ein Auto, eine Reise in ein anderes Land, in eine andere Welt. „Komm ein bisschen mit nach Italien, komm ein bisschen mit ans blaue Meer“, singt Catherina Valente mit Peter Alexander 1956, „und wir tun, als ob das Leben eine schöne Reise wär.“
Urlaub in Bayern war schon länger in Mode. Tegernsee ist so ein Fleckchen, an dem die Menschen ihre Liebe zur Sommerfrische früh entdecken. Das liegt auch daran, dass König Max I. Joseph 1817 das Kloster kauft und zur royalen Sommerresidenz umbaut. Der König genießt die Gegend, es gibt ein Bild von ihm im „Museum Tegernseer Tal“, das ihn bei der Brotzeit mit einer Bauernfamilie zeigt. Der Tegernsee wird schick, dem König sei Dank. Und es dauert nicht lang, bis Künstler und Herrscher aus aller Welt auch Urlaub am Tegernsee machen wollen.
Die einfachen Leute profitieren: Sie bieten Kutschfahrten vom Bahnhof an, der damals in Schaftlach, später in Gmund ist. Senner verkaufen Wanderern Brotzeit und Bier. Träger schleppen die russische Zarin in einer Sänfte den Berg hinauf. Als auch Nicht-Adelige auf den Geschmack kommen, vermieten Bauern die gute Kammer an Sommerfrischler. Wandinger sagt: „Oft räumten die Bauersleute ihr Schlafzimmer für die Gäste oder verfrachteten die Kinder auf den Dachboden, damit die Kinderzimmer frei wurden.“ Diese Entwicklung gibt es auch in Garmisch-Partenkirchen oder in Berchtesgaden. An den Alpen suchen die Menschen das Echte, sagt Wandinger, das Unverstellte. Und die Einheimischen fühlen sich geschmeichelt: Endlich interessiert sich jemand für sie, für ihre Trachten, für ihre Musik.
Aber Ende der 50er-Jahre fasziniert auf einmal das Fremde, zum Beispiel in Italien. Die Sprache allein. Das Essen. Es gibt alte Filmaufnahmen des Bayerischen Rundfunks, die einen deutschen Urlauber über einem gewaltigen Teller Spaghetti zeigen. In der einen Hand hält er eine Gabel, mit der er die langen Nudeln aufwickelt. In der anderen Hand eine Schere, mit der er abschneidet, was nicht im Mund landet. Andere Länder, andere Sitten.
„Da war niemand genervt von den Urlaubern“, sagt Wandinger. Von Gerhard Polts Film „Man spricht deutsh“ aus dem Jahr 1988, in dem die Adria von wenig anpassungsfähigen Deutschen gekapert wird, ist man damals noch weit, weit entfernt.
CARINA ZIMNIOK