Im Labor der Zecken-Experten

von Redaktion

Von der giftigsten bis zur größten Zecke: Gerlach bekam einige scheußliche Exemplare zu sehen.

In dem Hochsicherheitslabor werden viele Arten von Viren von den Experten genau untersucht. © Markus Götzfried (3)

Die Ministerin am Mikroskop: Zecken-Experte Gerhard Dobler zeigt Judith Gerlach, wie das FSME-Virus Gehirnzellen verändert.

München – Judith Gerlach steht vor vier runden Petrischalen und verzieht etwas angeekelt das Gesicht. Gerhard Dobler hat ein paar besonders abscheuliche Exemplare für sie rausgesucht. Die größte Zecke der Welt, die giftigste, eine tropische, eine einheimische. Bayerns Gesundheitsministerin ist an diesem Tag zu ihm und seinen Kollegen ins Konsiliarlabor im Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr gekommen, um sich über die Zeckensituation im Freistaat zu informieren.

Dobler ist so etwas wie Bayerns Zeckenpapst. Alle strittigen FSME-Fälle aus ganz Deutschland landen bei ihm im Labor. Und die Nachricht, die er für die CSU-Politikerin an diesem Tag hat, ist keine besonders gute: „Es ist ein FSME-Rekordjahr.“

Schon Ende Juni waren im Freistaat 30 FSME-Fälle bekannt. So viele Hirnhautentzündungen haben die Behörden zu dieser Zeit im Jahr seit Beginn der Meldepflicht 2001 nicht verzeichnet. Vier Wochen später ist die Zahl noch mal deutlich nach oben gesprungen. Inzwischen sind 150 bayerische FSME-Fälle nachgewiesen – 53 Fälle mehr als im selben Zeitraum im Vorjahr. „Die Zahlen steigen schon seit 2015“, erklärt Dobler. „Aber jetzt hat sich der Trend noch mal verdoppelt.“ Auch wegen des Klimawandels, durch die milden Temperaturen können die Zecken länger aktiv sein.

Dobler hat ein paar bunte Diagramme mit steil nach oben ragenden Kurven für die Ministerin vorbereitet. Und auch ein paar Karten, die die Hotspots in Bayern zeigen. Das sind vor allem Mittelfranken, aber auch Oberbayern und Schwaben. In Gerlachs Heimat Unterfranken hingegen werden gar keine FSME-Fälle gemeldet. „Wie erklären Sie sich das?“, fragt die Ministerin. Dafür muss Dobler etwas ausholen. Für eine aktuelle Studie seien Hunde im Raum Würzburg auf Zecken untersucht worden, berichtet er. Es seien aber kaum Tiere mit FSME infiziert gewesen. Wildtiere allerdings schon. „Das Virus ist also nicht verschwunden, es ist in Nischen gewandert, in denen Menschen sich weniger infizieren.“ Für Dobler und seine Kollegen heißt das auch: „Der Mensch ist ein denkbar schlechter Indikator für die Verbreitung des Virus.“

Nicht erklären können sich die Wissenschaftler allerdings, warum es seit einigen Jahren mehr FSME-Hotspots gibt. Auf diesen Flächen ist das Risiko, sich mit FSME zu infizieren, besonders hoch. Gerlach erkundigt sich, ob die Impfraten damit zu tun haben, dass es in einigen Regierungsbezirken deutlich mehr Fälle gibt als in anderen. Auch dazu gibt es natürlich längst Studien, von denen Dobler ihr berichten kann. In Niederbayern sei das Blut von Blutspendern auf Antikörper untersucht worden, erzählt er. 80 Prozent der Getesteten hatten sie. Aber um zu unterscheiden, wer die Antikörper durch eine Impfung und wer sie durch eine Infektion bekommen hat, ist das Konsiliarlabor nötig. Dort konnten die Mitarbeiter die Blutproben genauer untersuchen – und stellten fest, dass 24 Prozent der Antikörper durch Infektionen gebildet wurden. Das sind spektakuläre neue Daten, sagt Dobler.

Nicht nur, wenn es um FSME-Fälle geht, ist das Hochsicherheitslabor im Münchner Norden extrem gefragt. Auch andere gefährliche Viren werden von dem interdisziplinären Expertenteam der Bundeswehr untersucht. Sie waren für die Weltgesundheitsorganisation WHO für die Untersuchung von Ebola-Viren in Westafrika und haben auch die ersten Affenpocken in Deutschland in ihrem Labor nachgewiesen. „Auch die ersten Coronaviren, die in Deutschland entdeckt wurden, sind hier identifiziert worden“, sagt der Institutsleiter Roman Wölfel. Das Labor ist der erste Ansprechpartner für das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, wenn eine schnelle Diagnostik gebraucht wird. Die Mitarbeiter arbeiten unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen in spezieller Schutzausrüstung. Auch viele europäische Regierungen fordern die Hilfe der bayerischen Experten an, berichtet Wölfel.

Dass Minister sich vor Ort ein Bild machen, kommt hingegen nicht allzu häufig vor. Dobler kann Judith Gerlach bei ihrem Besuch eine brandneue Erkenntnis berichten: Erstmals sind auch Wölfe in Bayern auf FSME getestet worden. Jedes vierte untersuchte Tier hatte das Virus. „Was bedeutet das für unser Gesundheitssystem?“, fragt die Ministerin den Zecken-Papst am Ende des Labor-Rundgangs. Diesmal kann Dobler die Antwort kurz machen: „Impfen, impfen, impfen. Das hilft gegen alle Viren-Stämme.“

Doch die Impfquoten gegen FSME sind in Bayern niedrig. Nur gut 20 Prozent der Erwachsenen und 37 Prozent der Einschulungskinder besitzen den Impfschutz. Laut RKI sind 99 Prozent der FSME-Erkrankten gar nicht geimpft oder es fehlten Auffrischungsimpfungen. Für den kompletten Schutz sind drei Impfungen im ersten Jahr und dann Auffrischungsimpfungen alle drei bis fünf Jahre nötig.

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