Feuerwehr und Bergwacht brachten 60 Wanderer nach dem Erdrutsch von der Garibaldi-Hütte ins Tal. © Vigili del Fuoco
Das Hochwildehaus ist ein Mahnmal des Klimawandels. Ingenieurin Monika Zeilhofer und Bergführer Hans Hocke vom DAV besuchen die Hütte im Ötztal, die schon seit Jahren wegen Mauerschäden geschlossen ist. © Ute Wessels/dpa
München – 60 Wanderer haben wie durch ein Wunder überlebt. 1000 Kubikmeter Schutt rauschten am 31. August die Nordwand des Adamello in der Lombardei hinunter – direkt über eine gut besuchte Route nahe der Garibaldi-Schutzhütte. Einsatzkräfte brachten alle Ausflügler am Seil ins Tal. Bagger und Raupen räumten auf, genau wie nach dem Murenabgang nahe des Schlosses Neuschwanstein vorherige Woche.
Die Alpen sind in Bewegung, grenzübergreifend. Wegen Extremwetterereignissen wie Starkregen oder Hagel. Und weil der Permafrost – eine Mischung aus Gestein und ewigem Eis – schmilzt und die Berge ihren inneren Kitt verlieren. „Etwa 20 Prozent unserer Wege sind betroffen“, sagt Georg Unterberger, Leiter der Abteilung Hütten und Wege beim Österreichischen Alpenverein (ÖAV).
Durch Steinschlag und Murenabgänge werden Wanderwege immer unsicherer – und schwieriger. „Ein vormals blauer oder roter Weg wird so zu einem schwarzen Weg“, erklärt Unterberger. „Wenn etwa keine Brücke mehr über ein Bachbett gebaut werden kann.“ Ob und wo Wege durch Brücken oder andere technische Bauten in Zukunft wieder leichter, ja überhaupt begehbar gemacht werden, müsse wohlüberlegt sein. „Wir sind auch eine Naturschutzorganisation und werden nicht aus Jux und Tollerei überall Leitern einbauen.“
Der Erhalt Wege kostet in Zeiten des Klimawandels viel Geld. Aber auch der der Hütten. Für kaum eine Hütte ließen sich die Instandhaltungskosten oder gar Umbauten aus dem laufenden Betrieb finanzieren, heißt es bei den Alpenvereinen. Das klappt nur dank Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Zuschüssen aus öffentlicher Hand.
Ein Sorgenkind ist die Neue Prager Hütte (2800 Meter) im Nationalpark Hohe Tauern in Österreich. Mitten in der Hochsaison, am 15. August, musste sie schließen. Das dritte Jahr in Folge. Wegen akuter Wasserknappheit. „Auch wenn das Problem heuer nicht so groß war wie die Jahre davor: Es ist deutlich erkennbar, dass die Wasserversorgungssituation in den hochalpinen Lagen immer schwieriger wird“, sagt Robert Kolbitsch, Ressortleiter Hütten und Wege beim Deutschen Alpenverein (DAV), dem die Neue Prager Hütte gehört. Eis und Schnee tauen immer schneller ab – und so versiegt die Quelle aus Schmelzwasser im Sommer.
Nach und nach werden immer mehr Hütten mit diesem Problem kämpfen. 39 der 325 Hütten des DAV liegen oberhalb von 2500 Metern, beim ÖAV sind es 19 von 225 und beim Schweizer Alpen-Club (SAC) sogar 76 von 152. „Vielerorts in den Hochalpen sind die Landschaften nicht mehr im Gleichgewicht“, sagt Philippe Wäger, Ressortleiter Hütten und Umwelt beim Schweizer Alpen-Club. Wenn der Permafrost auftaut, kann die Stabilität der Hütten bedroht sein. Bei rund einem Drittel der SAC-Hütten gebe es Permafrost in einem Umkreis von 100 Metern um die Hütte. Die Rothornhütte in den Walliser Alpen musste deshalb neben der alten neu aufgebaut werden, genau wie die Seethalerhütte im Dachsteingebirge.
Das Hochwildehaus in den Ötztaler Alpen ist seit 2016 geschlossen. Der Berg, auf dem sie 1938 gebaut wurde, regt sich immer massiver und schürft dicke Risse in ihre Wände. Eine Hütte komplett aufzugeben, passiert nur, wenn es keinen anderen Ausweg gibt. „Die Hütten sind unser Herz und Aushängeschild“, sagt Philippe Wäger vom SAC. Um künftig mit weniger Wasser zurechtzukommen, wollen DAV und ÖAV in ihre Hütten verstärkt Trockentoiletten einbauen. So auch in der Neuen Prager Hütte. In der Schweiz sind diese die Regel, Duschen die Ausnahme.
Auch der ÖAV will sich künftig von gewissen Standards verabschieden. „Man kann nicht mehr auf jeder Hütte eine warme Dusche erwarten“, sagt Unterberger. Eine Katzenwäsche müsse auch mal reichen. Wassersparen allein reicht aber nicht. 95 Millionen Euro fordert der ÖAV als Rettungspaket für Hütten und Wege von der österreichischen Bundesregierung. Die Petition haben seit Mai 85 000 Menschen unterschrieben – sie heißt: „Notruf aus den Alpen“.