Der Auktionator Dieter Michelson. © Michael Schick
Der Brief samt Schwarzem Einser und Schreibfehler. Der Empfänger hieß Salegg, nicht Saleck. © Heinrich Köhler Auktionshaus
Bayerns erste Briefmarke: Der „Schwarze Einser“ kostete im Jahr 1849 einen Kreuzer. © Von Erichsen/dpa
München/Wiesbaden – Am 1. November 1849 wollte König Maximilian II. Bayern revolutionieren. Mit drei neuen Wertzeichen – für je einen, drei oder sechs Kreuzer – regelte er die Postbeförderung neu. Mit dieser Reform wurde der Postversand auch für das einfache Volk erschwinglich. Und die ersten Briefmarken auf deutschem Boden waren geboren. Gerade die „1-Kreuzer-Marke“ ging in die Geschichte ein. Experten definieren den „Schwarzen Einser“ wegen des niedrigsten Nennwertes hierzulande als erste Briefmarke überhaupt.
So ein Stückerl bayerischer Geschichte wird jetzt im Auktionshaus Heinrich Köhler in Wiesbaden versteigert. Das Los mit der Nummer 3975 kommt am 27. September mit einem Startpreis von 250 000 Euro unter den Hammer. Die Adresse ist in der Welt der Philatelie, also unter Briefmarken-Kennern, als ältestes Briefmarken-Auktionshaus Deutschlands bekannt. Schon zu seinen ersten Versteigerungen 1913 begrüßte Gründer Heinrich Köhler berühmte Sammler seiner Zeit – darunter etwa Agathon Fabergé, der extravagante Hofjuwelier des russischen Zaren.
1985 ging in Wiesbaden auch der legendäre „Baden Fehldruck 9 Kreuzer Schwarz auf Grün“ für 2,3 Millionen Mark über den Auktionstisch – der höchste Preis, der weltweit je für eine Briefmarke gezahlt worden ist. Jetzt kann Dieter Michelson, seit 24 Jahren geschäftsführender Gesellschafter des Hauses, wieder ein echtes Schmankerl anbieten – einen ganz besonderen Schwarzen Einser, ja eine „Ikone der Philatelie und Postgeschichte“.
„Ich konnte den bisherigen Besitzer in den vergangenen Jahren schon öfter überzeugen, dieses besondere Stück in Ausstellungen zu zeigen“, erzählt Michelson. Gleich mehrere Faktoren machen den Schwarzen Einser besonders. „Die erste Briefmarke Deutschlands wurde damals zu Tausenden gedruckt. Bis heute ist der Schwarze Einser keine Seltenheit. Lose kann man ihn schon für 500 bis 1000 Euro kaufen“, erklärt der 64-Jährige. „Seltener bekommt man ihn samt dem Brief, mit dem er einst auch versandt worden ist.“
175 Jahre alt wird die Rarität, die am 27. September den Besitzer wechseln könnte. „Der hohe Wert des Objektes ergibt sich daraus, dass es sich um einen Brief handelt, der nicht nur mit dem berühmten Schwarzen Einser frankiert, sondern auch noch an dessen Erscheinungstag, dem 1. November 1849, gestempelt worden ist“, sagt Michelson. „Es ist der einzig bekannte Ersttagsbrief des Schwarzen Einsers.“ Und somit nicht nur ein Stück bayerischer, sondern auch deutscher Wirtschafts- und Kommunikationsgeschichte.
Mit einem 3D-Scanner wurde die Echtheit der Marke geprüft
Verschickt wurde der Brief am 1. November 1849 in Niederbayern. Von Wegscheid aus nahe der österreichischen Grenze wurde er nach Hengersberg bei Deggendorf zugestellt. 57 Kilometer Luftlinie. Der Münchner Geschäftsmann J. L. Kohn hatte auf dem Postamt in Wegscheid zum günstigsten Kommunikationsmittel gegriffen – just am Tag seiner Einführung. Für nur einen Kreuzer konnte er seinem Handelspartner in Hengersberg den baldigen Besuch eines Vertreters mitteilen. „Ein Telegramm wäre viel teurer gewesen“, sagt Michelson. „Die billigere Post war als Alternative gedacht – und auch für die einfachere Bevölkerung erschwinglich.“ Für den Bund philatelistischer Prüfer hat Franz Stegmüller aus München den Ersttagsbrief unter die Lupe genommen. Die Stempelfarbe und die Tinte wurden analysiert und das ganze Dokument in einem hochsensiblen 3D-Scanner, der auch bei forensischen Untersuchungen bei Grenzbehörden oder der Kriminalpolizei im Einsatz ist, untersucht. „Auch der Absender, die Großhandelsfirma Kohn aus München, und sein Empfänger Josef Salegg, Betreiber eines Kaufhauses am Marktplatz in Hengersberg, konnten im Handelsregister von damals nachgewiesen werden“, sagt Michelson.
Heute werden E-Mails verschickt, um einen Termin in ein, zwei Tagen dingfest zu machen. Versteigern lassen werden sich die digitalen Nachrichten in 175 Jahren wohl kaum. Aber so ein Post-Schatz auf Papier eben schon – und für Liebhaber wie Auktionator Michelson ist der schlicht unbezahlbar.
CORNELIA SCHRAMM