Die Engel von Gleis 11

von Redaktion

Die Schlange vor der Bahnhofsmission an Gleis 11 ist jeden Tag lang.

Warmes Getränke, Brote und Obst geben die Helfer der Bahnhofsmission an Bedürftige aus. Und dazu ein Lächeln

Die Chefinnen: Bettina Spahn (links) und Barbara Thoma leiten die Bahnhofsmission gemeinsam. © Oliver Bodmer

München – Der alte Mann mit dem Rollator hat eine halbe Stunde geduldig in der Schlange gestanden, jetzt steht er vorne an der Essensausgabe. „Drei Marmeladenbrote bitte und einen Kaffee“, sagt er, ohne der Mitarbeiterin der Bahnhofsmission in die Augen zu blicken. Er sieht nicht, dass sie ihm ein Lächeln schenkt, während sie etwas Zucker in seinen Kaffee rührt. Zwei der Brote packt der Mann in eine Papiertüte und verstaut sie in seinem Rucksack. Mit dem Kaffee und dem letzten Brot setzt er sich an einen der sechs Tische in dem Raum. Wie ein kleiner Junge leckt er zuerst die Marmelade vom Brot, ganz langsam. Erst dann beißt er rein.

Er ist einer von hunderten Menschen, die an diesem Tag in die Münchner Bahnhofsmission an Gleis 11 gekommen sind, um ein kostenloses Essen und ein warmes Getränk zu bekommen. Für einige ist es die einzige Mahlzeit am Tag. Andere möchten sich etwas Geld sparen, weil es nie für den ganzen Monat reicht. Fragen werden hier nicht gestellt. Wer um Hilfe bittet, bekommt Hilfe.

Auch Maria ist heute hier. Sie kommt seit Jahren ab und zu vorbei, sagt sie. Gearbeitet hat sie immer – in Hotels, in Restaurant-Küchen. Viel Rente bekommt sie nicht. Wie viel, möchte sie nicht sagen. Genau wie ihren Nachnamen. Ohne die Bahnhofsmission müsste sie oft hungrig ins Bett gehen, sagt sie. Und sie müsste immer allein essen. Auch Maria packt sich eines der Butterbrote ein. Vor ihrer leeren Kaffeetasse bleibt sie noch lange sitzen, beobachtet die Menschen, die an der Essensausgabe anstehen.

Jeder hier hat seine Geschichte. Einigen sieht man die Armut an. Männer mit zottligen Bärten und leerem Blick, Frauen mit strähnigen Haaren in Jogginghose. Andere sehen aus wie die Reisenden, die draußen in ihre Züge steigen. Nicht immer ist die Verzweiflung sichtbar, die die Menschen hierher treibt.

Bettina Spahn und Barbara Thoma leiten die Bahnhofsmission gemeinsam. Träger sind die katholische und die evangelische Kirche – deshalb zwei Chefinnen. Zu ihrem Team gehören etwa 25 hauptamtliche Mitarbeiter und 135 Ehrenamtliche. Jeden Tag ist ein Sozialarbeiter vor Ort. Und dann gibt es noch gut 60 ehrenamtliche Dolmetscher. Denn in der Bahnhofsmission finden täglich über 80 Beratungen statt. „Wir sind mit allen sozialen Diensten in der Stadt eng vernetzt“, sagt Spahn. Egal, ob jemand psychologische Hilfe braucht, einen sicheren Schlafplatz, einen Arzt oder Suchthilfe – sie haben für alle Probleme Ansprechpartner. Sehr oft helfen die Mitarbeiter aber auch ganz akut. Heute sitzt eine Frau mit ihrer Teenager-Tochter in einem der Beratungszimmer. Dabei haben sie nur ein paar Plastiktüten. „Die beiden wissen nicht, wo sie heute Nacht schlafen sollen“, sagt Spahn. Diese Sorge können sie und ihr Team ihnen nehmen. Sie haben in einer Pension acht Schlafplätze gemietet, die sie in solchen Fällen vergeben können. Vier davon werden von der Stadt bezuschusst. „Das zweite Zimmer aber nicht“, sagt Spahn. Deshalb ist die Diözese eingesprungen. Denn gebraucht werden die Betten dringend.

Die Zahl der Hilfesuchenden steigt seit Jahren, berichtet Barbara Thoma. 2021 kamen 183 263 Menschen in die Münchner Bahnhofsmission, 2023 waren es 259 203 – und der Bedarf nimmt weiter zu. „Wir spüren ganz deutlich, dass immer mehr Menschen in die Armut rutschen“, sagt Barbara Thoma. Nicht nur Migranten. Und nicht nur Menschen mit einer kleinen Rente. Rund 60 000 Hilfesuchende waren vergangenes Jahr jünger als 27.

Auch heute steht ein junger Mann in der langen Schlange für die Essensausgabe. Er ist das zweite Mal hier. Er bittet nicht nur um zwei Butterbrote und einen Tee, sondern erklärt den beiden Helfern an der Ausgabe, warum er kein Geld für ein Mittagessen hat. Seine Arbeitsstelle hat er wegen Depressionen verloren, er bekommt Hilfen. Aber das Geld reicht nicht für das Leben in München. „Kann ich bei Ihnen auch Essensgutscheine bekommen?“, fragt er. Die Bahnhofsmission kauft über Spenden Penny-Gutscheine. Zigaretten oder Alkohol können davon nicht gekauft werden – aber Lebensmittel. Die Gutscheine werden an Leistungsberechtigte vergeben. Auch der junge Mann bekommt heute welche.

Die Helfer an der Essensausgabe hören sehr oft ein Danke. Manchmal sprechen die Menschen kein Deutsch, viele von ihnen zeigen die Dankbarkeit mit Blicken. Nicht alle. Und nicht alle wollen geduldig warten, bis sie dran sind. Deshalb ist immer ein Security-Mitarbeiter im Eingangsbereich. „Wir haben Hausregeln, die alle einhalten müssen“, betont Spahn.

In Bayern gibt es zwölf Bahnhofsmissionen. 2023 gab es fast 500 000 Kontakte mit Hilfesuchenden, die Hälfte davon in München. Die Stadt stellt die Räume mietfrei zur Verfügung und es gibt auch einen städtischen Zuschuss. Außerdem spendet Pfister das Brot, 300 Kilo pro Woche. Auch Kleiderspenden werden immer wieder vorbeigebracht. Die Helfer sind auch im Bahnhof unterwegs – zum Beispiel, um Menschen mit Mobilitätseinschränkungen oder Senioren beim Ein- oder Aussteigen in Züge zu unterstützen. Und immer wieder kommen zu ihnen auch Reisende, die Hilfe brauchen.

An diesem Tag ein junger Mann. Er hätte in Frankfurt aussteigen müssen, sei im Zug aber eingeschlafen, sagt er. „Kann ich mein Handy kurz bei euch aufladen?“ Einer der Ladeplätze ist gerade frei. Während der Mann darauf wartet, dass sein Akku voll ist, beobachtet er die Essensausgabe. Als er sich nach einer halben Stunde wieder auf den Weg macht, bedankt er sich bei einem Mitarbeiter. „Einen tollen Job macht ihr hier“, sagt er, dann geht er an der immer noch langen Warteschlange vorbei – wieder nach draußen in die andere Welt.

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