Sechs Tage die Woche – seit 50 Jahren: Rudolfine Schroeren vor ihrem Schreibwarengeschäft in Utting. © Andrea Jaksch
Utting – Eigentlich hat sie ja gerade geschlossen – Mittagspause. Die Tür ihres Schreibwarengeschäfts steht trotzdem offen und Rudolfine Schroeren hinter der Theke. Als eine Kundin den Laden betritt, begrüßt Schroeren sie freundlich, fragt, wie sie helfen kann. Kein Wort zur eigentlichen Mittagspause.
Seit über 50 Jahren betreibt die gebürtige Wienerin ihr Geschäft für Bürobedarf und Schreibwaren in Utting am Ammersee. In der Bahnhofstraße 15 verkauft sie Zeitungen und Zeitschriften, Bücher, Geschenkartikel, Lottoscheine, Zigaretten und vieles mehr. Als sie anfing, wurde Helmut Schmidt gerade neuer Bundeskanzler und Muhammad Ali kämpfte gegen George Foreman beim „Rumble in the Jungle“. Ein halbes Jahrhundert später, Anfang November, feierte sie 50-jähriges Jubiläum – und denkt nicht ans Aufhören. Über ihr Alter verrät sie nur, dass sie schon über 70 ist.
„Ich bleib da, ich kämpf mich durch“, sagt Schroeren. Der Laden – ein ehemaliges Malergeschäft mit etwas Bürobedarf – ist ihr Ein und Alles. Und er hat Bestand – im Gegensatz zu vielen anderen. Früher habe es fast in jedem Haus der Uttinger Bahnhofsstraße ein Geschäft gegeben, erzählt Schroeren. Heute sind weniger als eine Handvoll übrig. Ihr Erfolgsrezept? „Es ist zwar ein alter Laden, aber ich gehe mit der Zeit“.
Bei ihr kriegen Kunden die neusten Bestseller, Schulhefte und aktuelle Fachzeitschriften. Schroeren bestellt die gewünschte Ware auch. Außer Vapes und E-Zigaretten. Diesen Trend will sie nicht mitmachen, zu ungesund.
Eigentlich hat sich über die Jahrzehnte gar nicht so viel verändert, findet Schroeren. Zwei Dinge fallen ihr aber auf: Sie verkauft weniger Zigaretten als früher. Und manche Kunden wirken seit der Corona-Pandemie gereizter, das ist ihr Eindruck. Das betreffe aber nicht die Mehrheit: „Ich habe Glück mit meinen Kunden, die meisten sind sehr nett.“ Besonders freut sie sich über Urlauber, die jedes Jahr wiederkommen und deren Enkelkinder sie mittlerweile kennt.
Beraten und verkaufen, das war schon früh Rudolfine Schroerens Leidenschaft. Als gelernte kaufmännische Angestellte zog sie 1968 von Wien nach München, wo sie zunächst als Schuhverkäuferin arbeitete. Bis sie 1974 den Laden in Utting übernahm. Einige Regale sind noch original, auch Schulhefte von damals hat sie noch. „Ich hebe eigentlich alles auf, was alt ist“, sagt Schroeren und lacht. Wie die Sammlung alter Feuerzeuge, frühere Werbegeschenke von Tabakvertretern, die auf hohen Regalen kurz unter der Decke stehen.
Sechs Tage die Woche steht Rudolfine Schroeren in ihrem Geschäft, morgens um 8 Uhr sperrt sie auf. „Da stehen die ersten Kunden schon vor der Tür und wollen ihre Zeitung.“ Den Laden betreibt sie allein – nur wenn sie mal nach Wien zu ihrer Schwester fährt, übernimmt eine Freundin für ein paar Tage. Sonst brauche sie keinen Urlaub, sagt Schroeren. Ihr Geschäft ist ihre Leidenschaft. Wenn sie nicht gerade die Schaufenster umdekoriert –, was mindestens wöchentlich passiert – genießt sie eine Wurstsemmel oder Leckereien, die ihre Schwester aus Wien schickt.
Auch nach 50 Jahren im Geschäft scheint Rudolfine Schroerens Energie grenzenlos zu sein. Wer sie im Kontakt mit ihren Kunden erlebt, merkt: Das kommt von Herzen. Sie sagt: „Mir hat immer gefallen, für die Leute da zu sein.“ Deshalb denkt sie noch lange nicht ans Aufhören.
LEA SCHÜTZ