Hoher Blutzoll: Innerhalb von zwei Jahren musste eine Landwirte-Familie aus Niederbayern den Tod von vier Söhnen verkraften. Daran erinnerte sie mit einem Sterbebild. © Repro: Voigt
Vilsbiburg – Für viele wird dieser Sonntag, der Volkstrauertag, ein Sonntag sein wie jeder andere. Für manche vielleicht nicht. Falls es Nachkommen der Familie Holzner geben sollte, was nicht bekannt ist, dann kommt vielleicht eine Erinnerung hoch an die Zeit des Ersten Weltkrieges. Viele Familien in Bayern mussten damals harte Zeiten durchleben. Die Eheleute Holzner aus dem heute zu Vilsbiburg gehörenden Geiselsdorf in Niederbayern traf es besonders hart. Sie verloren gleich vier Söhne. Ein Sterbebild, für gut 30 Euro zufällig auf eBay ersteigert, sowie Recherchen im Bayerischen Militärarchiv bringen etwas Licht in die Geschichte.
Johann und Franziska Holzner hatten wenigstens sechs Söhne, die als Soldaten in der bayerischen Armee dienten und in den Krieg ziehen mussten. Für den Vater, der als Landwirt arbeitete, sicher keine einfache Situation, da vor allem die jüngeren Söhne ihn als „Dienstknecht“ oder „Bauerssohn“ bei der Arbeit unterstützten. Als der Krieg im August 1914 begann, mussten gleich mehrere der Söhne zum Militär einrücken. Anders als dies in den größeren Städten der Fall war, hielt sich die Kriegsbegeisterung auf dem Land in Grenzen, sodass sich keiner der Gebrüder Holzner als Kriegsfreiwilliger meldete. Schon am 2. August aber wird Anton Holzner (geboren am 4. Februar 1891) als Unteroffizier der Reserve zu seiner alten Einheit, der 1. Kompanie des 16. bayerischen Infanterie-Regiments „Großherzog Ferdinand von Toskana“ eingezogen. Nur zwei Tage später kommt sein zwei Jahre älterer Bruder Josef zur 2. Kompanie des 2. bayerischen Infanterie-Regiments „König“ nach München. Am selben Tag wird schließlich noch Johann Holzner (geboren 1887) zum bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 1 ebenfalls nach München zu den Waffen gerufen. Die anderen drei Söhne blieben vorerst zu Hause.
Bereits anderthalb Monate später wird Josef schwer durch eine Gewehrkugel an der linken Hand verwundet. Er kommt zurück nach München in ein Lazarett, wo ihm der dritte und vierte Finger der verwundeten Hand amputiert werden. Er hat in diesem Fall „Glück“, denn er bleibt zunächst bei der Ersatz-Kompanie seiner Einheit und wird Ende Oktober 1916 mit einer monatlichen Rente von 28,50 Mark aus dem Militärdienst als Kriegsbeschädigter entlassen.
Unterdessen ereignet sich am 27. Mai 1915 die Katastrophe, Anton Holzner fällt mit gerade einmal 24 Jahren durch eine Mine nördlich von Arras. Nur drei Monate zuvor war auch der vierte Bruder, der 19-jährige Albert, eingezogen worden. Er kämpfte mit dem 3. bayerischen Infanterie-Regiment „Prinz Karl von Bayern“ ebenfalls in Nordfrankreich. Der Einsatz währte nur kurz: Er kam wegen „Magen- und Darmkatarr“ in ein Lazarett, doch nur 14 Tage später, am 31. August, starb er mit nur 20 Jahren. Nun mussten die Eltern zwei tote Söhne beweinen. Doch der Krieg forderte weiteres „Menschenmaterial“, sodass auch der älteste Sohn Peter (geboren 1886) Anfang November 1915 eingezogen wurde. Mit dem bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 10 nahm er im Sommer 1916 an der Schlacht an der Somme teil, bis ihn am 24. August die Splitter einer Granate schwer am Oberschenkel und an der Schulter verwundeten.
Es gelang zwar noch, ihn mittels eines Lazarettzuges nach Duisburg zu bringen, doch verstarb Peter hier an den Folgen seiner Verwundung am 28. September 1916 im Alter von 30 Jahren. Wahrscheinlich war es den Eltern nur ein schwacher Trost, dass man ihm posthum Ende November 1916 noch das bayerische Militär-Verdienstkreuz 3. Klasse mit Schwertern verlieh.
Einzig Johann Holzner kämpfte nun noch an der Front. Doch auch er wurde am 10. Januar 1917 schwer durch eine Artilleriegranate an der Brust verwundet und starb er auf dem Weg ins Lazarett im Alter von 29 Jahren. Damit waren vier Brüder den „Heldentod“ gestorben, an dem nichts Heldenhaftes zu finden war.
Auch der Jüngste wird eingezogen – doch er überlebt
Kaum vorstellbar, wie es der Mutter zu Mute sein musste, als schließlich ihr Jüngster, Wolfgang (er kam am 31. Oktober 1896 zur Welt), im Juni 1917 auch noch als Rekrut eingezogen wurde. Ob die höheren militärischen Stellen hier den schweren Blutzoll, den Familie Holzner geleistet hatte, berücksichtigten, oder ob andere Umstände eine Rolle spielten, bleibt unklar. Wolfgang musste jedenfalls nicht an die Front, sondern blieb bis zum Ende des Krieges in der Garnison.
Peter Holzner ruht heute auf der Kriegsgräberstätte Duisburg-Kaiserberg, Johann und Anton Holzner liegen auf dem deutschen Soldatenfriedhof St. Laurent-Blangy nördlich von Arras. Einzig das Grab von Albert ist heute unbekannt, er wurde damals unmittelbar neben dem Lazarett begraben, in dem er starb. Was aus den überlebenden Söhnen wurde, ist unbekannt.
IMMANUEL VOIGT