Integrationskurse vorm Aus?

von Redaktion

Haushaltspläne in Berlin: Volkshochschulen schlagen Alarm

364 000 Migranten haben dieses Jahr einen Integrationskurs der vhs besucht. © Robert Brouczek

München – Regine Sgodda fällt es gerade schwer, sich ihren Optimismus zu bewahren. Der Grund ist der vorläufige Haushalt, den die Bundesregierung für 2025 geplant hat. Für Integrations- und Berufssprachkurse sind 500 Millionen Euro eingeplant. „Das reicht gerade dafür, begonnene Integrationskurse fortzuführen“, sagt die Chefin des Bayerischen Volkshochschulverbands. Neue Kurse könnten mit diesem Budget nicht starten. Die Volkshochschulen in Deutschland bräuchten insgesamt 1,24 Milliarden Euro, um den prognostizierten Bedarf abzudecken. Denn der wird mit 326 000 Teilnehmern fast genauso hoch sein wie in diesem Jahr. „Mit 500 Millionen können wir nur 147 000 Kursplätze anbieten“, sagt Sgodda.

Integrations- und Berufssprachkurse werden komplett über Bundesmittel finanziert. Es ist nicht das erste Mal, dass die Bundesregierung erst einen Millionenbetrag dafür ansetzt und die Summe dann in den Milliardenbereich nach oben korrigiert. Auch schon in den Vorjahren habe das viele Träger vor Probleme gestellt, erklärt Sgodda. „Die Kurse werden erst bezahlt, wenn sie beendet sind.“ Viele Träger müssten in Vorleistung gehen. „Kurse anzubieten, für die die Finanzierung noch nicht sicher ist, bedeutet ein hohes Risiko.“ Nicht alle Träger würden dieses Risiko eingehen wollen – und deshalb mit reduziertem Angebot ins neue Jahr starten.

Die Unsicherheit ist wegen der Neuwahl im Februar besonders groß. Keiner wisse, welche Regierung es geben werde, sagt Sgodda. „Und wann sie bereit ist, unsere Argumente zu hören.“ Sgodda kann nicht verstehen, wie die Bundesregierung mit 500 Millionen Euro kalkulieren kann. „Der Bedarf ist bekannt.“ Und wie wichtig die Kurse für die Integration der Geflüchteten seien, dürfte eigentlich keine Frage seien, findet Sgodda.

Letztlich werden die Kommunen und die Wirtschaft büßen, wenn dort Mittel gekürzt werden, betont sie. Wer es bereits geschafft hat, Arbeit zu finden – zum Beispiel in der Pflege oder im Handwerk – sei dringend darauf angewiesen, die für den Beruf nötige Sprache zu lernen, erklärt sie. „Bei einem Budget von 500 Millionen Euro werden rund 300 000 Menschen keine Möglichkeit haben, die notwendige Sprachkenntnisse für das Berufs- und Alltagsleben in Deutschland zu erwerben.“

Das Angebot der Volkshochschulen abseits der Integration- und Berufssprachkurse ist von dem vorläufigen Haushalt erst mal nicht betroffen. Es wird über kommunale Zuschüsse und Geld vom Freistaat finanziert. „Aber auch viele Kommunen kämpfen mit einem angespannten Haushalt“, sagt Sgodda. „Deshalb fürchten wir, dass sie für freiwillige Aufgaben künftig weniger Geld zur Verfügung stellen werden.“

Selbst wenn die neue Bundesregierung in der ersten Hälfte des Jahres durch Umschichtungen mehr Geld für die vhs-Kurse zur Verfügung stellt, ist nicht gesichert, dass das Angebot, so wie es jetzt ist, aufrechterhalten werden kann, sagt Sgodda. „Wir müssen jetzt planen, Verträge mit Dozenten verlängern, Mietverträge abschließen und auch genug Verwaltungspersonal einstellen, um die große Zahl an Integrationskursen stemmen zu können“, erklärt sie. Dozenten, die jetzt kein Angebot fürs kommende Jahr bekommen, würden sich nach anderen Arbeitgebern umschauen. Und auch geeignete Räume sind schwer zu finden.

Vor zehn Jahren waren die Volkshochschulen in Deutschland, die die Hälfte aller Integrationskurse stemmen, nicht auf die enormen Flüchtlingszahlen vorbereitet. Es dauerte damals Jahre, ein System aufzubauen, das den Menschen dabei hilft, schnell integriert zu werden und finanziell auf eigenen Beinen stehen zu können. „Es ist ein völliges Verkennen der Situation, dieses System jetzt runterzufahren“, betont Sgodda. „Integration ist in einem Einwanderungsland ein Dauerauftrag.“
KATRIN WOITSCH

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