Geboren im Lebensborn-Heim

von Redaktion

Wenn man Mutter und Vater siezt: Die Geschichte von Fritz Steinwender

Die säugende Mutter in Steinhöring ist eine NS-Skulptur.

Frecher Fritz: Damals war er schon bei den Pflegeeltern.

Zwischenstation: In dem Lebensborn-Heim in Steinhöring war Fritz Steinwender nur eine kurze Zeit. © Archiv (2)

Eine Odyssee durch Kinderheime: So fing das Leben für Fritz Steinwender an. © Marcus Schlaf (Foto & Repro)

Neubiberg – Auf dem Wohnzimmertisch liegen noch Glückwunschkarten und ein Geschenkkorb. Fritz Steinwender (82) hatte gerade Geburtstag – und damit fängt die Geschichte auch schon an: Er weiß eigentlich nicht, wann er feiern soll, am 16. Januar oder aber am 28. Januar? Er entschied sich irgendwann für Letzteres, „dann bin ich ja zwölf Tage jünger“, sagt er und lacht. Fritz Steinwender lebt seit 1945 in Neubiberg (Kreis München), sein ganzes Leben hat er hier verbracht, führte einen Meisterbetrieb für Sanitär und Installation, wurde Ehemann, Großvater. Seine Vergangenheit liegt jedoch im Dunkeln. Sicher ist nur, dass er als zweijähriger Knirps mit einem Zettel um den Hals in den ersten Apriltagen 1945 in Neubiberg ankam. Als Kind der geheimnisumwitterten nationalsozialistischen Organisation Lebensborn.

Auf dem Zettel stand sein damaliger Name: Eckhard Gnoyke. Und sein Geburtsdatum. 16. oder 28. Januar – die Schrift war verwaschen, beides ist möglich. Niemand wusste Bescheid. Mutter: unbekannt. Vater: unbekannt. „Ich war ein Findelkind“, sagt Fritz Steinwender. Nun sitzt er am Wohnzimmertisch, alles ist bayerisch eingerichtet, ein alter Bauernschrank, Kruzifix, Zinnkrüge.

Eigentlich hieß er Eckhard Gnoyke

Von Geburt her ist der 82-Jährige aber kein Bayer. Er war ein zweijähriger Vollwaise, geboren weit weg im heute polnischen Teil von Pommern. Der handschriftliche Registerauszug, den er sehr viel später erhielt, ist eindeutig: Eckhard Gnoyke, geboren in Bad Polzin, heute polnisch Połczyn-Zdrój, eine Kleinstadt 150 Kilometer östlich von Stettin mit einem Heilbad und einem Kurheim, das die Stadt 1937 dem „Führer“ Adolf Hitler persönlich schenkte. Dieser wiederum überließ es dem „Lebensborn“, einem von der SS gegründeten Verein, der ledige schwangere Frauen in speziellen Heimen betreute und ihre Kinder auf Wunsch an „reinrassige“ Ehepaare vermittelte.

Dass die Lebensborn-Heime bordellartige „Zuchtanstalten“ waren, „in denen blonden, blauäugigen SS-Männern ebenso blonde Frauen zur Begattung zugeführt wurden“ ist eher eine Legende, so der Historiker Volker Koop. Erwiesen ist indes, dass der Verein während der deutschen Besatzung Osteuropas im großen Ausmaß am Raub von Kindern ermordeter Regimegegner beteiligt war und diese Kinder dann „eingedeutscht“ wurden. Bei Eckhard Gnoyke war das nicht so. Aber dass er in dem Lebensborn-Heim zur Welt kam, ist sicher. Er nimmt an, dass der Bruder seiner leiblichen Mutter, der bei der SS war, der ledigen schwangeren Frau einen Platz im Lebensborn-Heim vermittelte. Im vergangenen Jahr ist Fritz Steinwender hingefahren, er wollte das Heim, in dem er geboren wurde, einmal sehen. Das Gebäude steht noch, es ist heute ein Sanatorium. „Habe heute mein Geburtshaus besucht, wo ich im Januar 1943 geboren wurde“, schrieb er ins Gästebuch.

Bis Anfang 1945, also etwa zwei Jahre, war Fritz Steinwender in Bad Polzin. Nach dem Vorrücken der Roten Armee jedoch wurde das Lebensborn-Heim geräumt und nach Westen evakuiert. Ein, zwei Monate wohl war Eckhard in Schalkhausen bei Ansbach – „die Heime ,Franken I und II‘ hatten vorwiegend Kinder aus den besetzten Gebieten aufzunehmen“, schreibt Historiker Koop. Von dort aus kam der kleine Eckhard nach Steinhöring bei Ebersberg, wo 1936 das erste Lebensborn-Heim entstanden war. Und von dort wiederum ins katholische Anna-Katharina-Heim in Neubiberg. Das war im Juli 1945. Lange blieb er dort nicht. Der Neubiberger Pfarrer rief die Dorfbewohner wegen Überfüllung des Kinderheims dazu auf, die Kinder als Pfleglinge in Obhut zu nehmen. So kam Eckhard gegen Ende 1945 zum Ehepaar Steinwender, die ihn aufnahmen wie ein eigenes Kind. Später, da war er schon erwachsen, wurde er auch adoptiert. „Du bist mein Sohn, aber ich habe Dich nicht geboren“, pflegte seine Mama zu sagen. Der Vorname wurde freilich geändert. Aus Eckhard wurde der Fritz – Eckhard rutschte an die zweite Stelle. Damit hätte man leben können. Aber die Vergangenheit ließ ihn nicht ruhen. Wie war er denn von Polzin nach Neubiberg gekommen? Als Zweijähriger? Und wer waren seine Eltern?

Zwei Ereignisse halfen ihm bei der Spurensuche, sagt Fritz Steinwender heute. Einmal wurmte es ihn furchtbar, dass ihn ein Verwandter einmal als „hergehurtes SS-Kind“ bezeichnet hatte. Da war er 21, er hat es nie vergessen. Und beschloss, seiner Geschichte irgendwann einmal auf den Grund zu gehen. Ende der 1960er-Jahre ging es los: Er fand in der Zeitung einen Leserbrief, den ein gewisser Gnoyke schrieb. Ein Herr Gnoyke aus Wuppertal. Das konnte doch kein Zufall sein. Er fand die Adresse heraus und fuhr hin. Eine Luise Gnoyke öffnete – die Schwägerin der Mutter. Briefe wanderten hin und her, Luise Gnoyke war die Mittelsfrau zwischen Sohn und Mutter. Mehrere Jahre. Er wurde hingehalten, eine Adresse erhielt er erst 1982, als er schon 39 Jahre alt war.

In einem Dorf bei Bremen kam es zur Begegnung. „Ich bin ihr Sohn“, so stellte er sich seiner Mutter vor. Die beiden siezten sich. Und blieben förmlich. Die Begegnung habe vielleicht zwei Stunden gedauert, sagte Fritz Steinwender heute. Es blieb das einzige Treffen bis zum Tod von Hildegard-Friede Reineke, geborene Gnoyke, im Jahr 2009. Eine Formulierung seiner Mutter hat er sich gemerkt. „Bitte treten Sie nicht in Erscheinung, niemand weiß, dass es Sie gibt.“ Das war‘s. Der Mutter war der Sohn offenbar peinlich, sie wollte keinen Kontakt.

Kein Anruf, keine Dokumente, keine Antwort auf die Frage, wieso die Mutter ihn im Heim gelassen hatte. Aber dafür die Nachricht, dass es noch einen älteren Bruder gibt: Horst. Ihn hatte die Mutter mitgenommen aus Bad Polzin. Warum Horst, warum nicht Eckhard – das fragt sich Fritz Steinwender bis heute. Immerhin: Zu Horst hält er bis heute Kontakt. Er erhielt auch die Adresse des Vaters in Hamburg. „Es war eigentlich eine nette Begegnung“, sagt Fritz Steinwender heute. Aber es blieb die einzige. Die beiden blieben ebenfalls beim Sie. Fritz Steinwender hatte genug, denn auch der Vater hatte offensichtlich nie nach ihm gesucht.

Fritz Steinwender steht auf und geht in den ersten Stock. Er holt das Foto seiner Mutter. Er hat genau dieses eine Foto. Eingerahmt. Am Grab seiner Mutter habe er einmal eine rote Rose hingelegt, als Abschluss der ganze Geschichte. Er werde nie mehr da hinfahren. Aber ja, sagt der 82-Jährige, das Foto, das habe er aufgestellt.
DIRK WALTER

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