Ein Krater und das Meteoriten-Märchen

von Redaktion

Die Schlagzeilen von damals hat der ehemalige Polizeichef Max Enzbrunner in einem Album gesammelt.

Eduard Reisch (hier mit seiner Frau Elena) hat erst vor Kurzem den Luftschutzbunker am Hauptbahnhof gesprengt. © Schlaf

Der angebliche Meteoritenkrater im Friedinger Biotop lockte 1995 viele Schaulustige an. Journalisten aus der ganzen Welt berichteten darüber. © SVJ (2)

Frieding – 4. März 1995. Es ist Samstag. Eduard Reisch ist zu Hause, hört Radio. Und dann verschlägt es ihm die Sprache. Ein Meteorit soll in das Biotop im Andechser Ortsteil Frieding (Kreis Starnberg) eingeschlagen sein. Dort klafft nun ein riesengroßer Krater. Den Krater kennt Reisch – denn nicht ein Meteorit ist dafür verantwortlich, sondern er. Einen Tag zuvor hatte er ihn gesprengt. Die Aktion war genehmigt und beim Landratsamt angemeldet – doch die örtliche Polizei hatte die Nachricht offenbar nicht erreicht. Und noch bevor Reisch für Klarheit sorgen kann, ist aus seinem Sprengsatz ein Meteorit geworden.

Dass der Krater und später auch er selbst weltberühmt wurden, verdankt er nicht nur den langsamen Informationswegen der Behörden, sondern auch auch dem damaligen Herrschinger Polizeichef Max Enzbrunner. Ein Polizeihubschrauber hatte den frisch aufgeworfenen Krater in den verschneiten Hannawiesen entdeckt. Es gab mehrere Erklärungsansätze: ein Meteorit, Weltraumschrott oder eine alte Weltkriegs-Bombe. „Die Presse hat das Präsidium genervt, wir mussten uns auf ein Ereignis festlegen“, erinnerte sich Enzbrunner einst im Gespräch mit unserer Zeitung. „Dann hab ich gesagt: Gut, sagen wir Meteoriteneinschlag.“ Hat er schnell bereut. Schon bald interessierte sich die Weltpresse für das Biotop.

Sprengmeister Edi Reisch schüttelt heute noch schmunzelnd den Kopf, wenn er sich an den 4. März 1995 erinnert. „Es gab Traktorspuren im Feld, neben dem Krater lag noch eine Euro-Palette. Es wäre der erste Meteorit gewesen, der auf einer Euro-Palette daherkommt.“ Doch die Journalisten wollten lieber die Meteoriten-Geschichte erzählen – und haben alle Hinweise auf andere Erklärungen großzügig übersehen. Schon drei Tage später hatte sich alles aufgeklärt. Aber da war Reisch längst der Krater-Edi und Polizeichef Enzbrunner der Meteoriten-Max.

Den Spitznamen hat Reisch auch 30 Jahre später noch. „Ich kann gut damit leben“, sagt der 63-Jährige. Noch immer kommen vor Jahrestagen des Meteoriten-Märchens Interviewanfragen, wenn auch inzwischen nur noch vereinzelt. Vergessen hätte Reisch den 4. März aber auch ohne die Anrufe nicht. Denn nur wenige Wochen nach dem ganzen Medienrummel wurde Bayerns Sprengverein gegründet und der feiert nun bald sein 30-jähriges Bestehen. Reisch wird eine kleine Rede halten, vermutlich auch seinen legendärsten Krater erwähnen. Danach sprengte er noch vieles andere – die Donaubrücke in Leipheim, das Agfa-Hochhaus in München, erst vor Kurzem einen ehemaligen Luftschutzbunker am Hauptbahnhof. Doch so viele Schlagzeilen wie 1995 hat er nie mehr bekommen. Max Enzbrunner hat sie alle ausgeschnitten und in ein Album geklebt. Ein Journalist hatte ihm damals den weltweiten Medienrummel erklärt: „Die Krux war, dass es an diesem Tag weltweit kein ähnlich weitreichendes Ereignis gegeben hatte.“

Obwohl damals alles korrekt abgelaufen war, hatte die Biotop-Sprengung trotzdem ein juristisches Nachspiel. Die Sprengung sollte ein Test sein, weil Reisch künftig für die Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege Sprengungen dieser Art durchführen sollte. Der Jagdpächter hatte alles genehmigt. Gegen ihn und Reisch wurde danach Strafanzeige gestellt, beiden wurde vorgeworfen, die Natur zerstört zu haben. Der Fall landete sogar vor Gericht – sie gewannen den Prozess. „In dem anderthalb Meter tiefen Krater sammelt sich auch in trockenen Sommern Wasser“, erklärt Reisch. „Das ist eine wichtige Wasserstelle für die Tiere.“ Er hatte nie Zweifel, dass er vor Gericht gewinnen würde. „Ich habe mit der Juristin, die damals für das Amt als Starnberger Landrätin kandidierte, um ein Essen gewettet“, sagt er und lacht. „Die Wette hat sie bis heute nicht eingelöst.“

Edi Reisch hat eine Sprengtechnik-Firma in Peißenberg (Kreis Weilheim-Schongau). Vor ein paar Jahren war er mal wieder am Krater in Frieding. „Es ist nicht nur Gras drüber gewachsen, sondern auch sehr schöne Blumen“, sagt er. Hin und wieder trifft er auch den Meteoriten-Max noch. „Wir lachen beide noch heute über diese verrückten Tage damals.“

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