Sperrt im Sommer zu: Christoph Simon, Chef im Spinnradl am Spitzingsee. © THOMAS PLETTENBERG
Party-Profi Max Riemensperger im „Nachti“ in Freising. Seit Sommer ist Patrick Dollacker (rechts) am Zug. © Lehmann
Ende April ist Schluss im Buck Rogers. Dann gibt es in Fürstenfeldbruck keinen Club mehr. © Gökhan Bozkurt
München – Als Max Riemensperger sein Nachtcafé in Freising wieder aufsperren durfte, nach 80 Wochen Lockdown, da war er einfach glücklich. „Wie Weihnachten und Ostern zusammen“, sagte der Party-Profi im Oktober 2021. Eine Weile hielt die Euphorie an, der Laden war voller Gäste, hungrig aufs Feiern, Tanzen, Trinken. Aber das ist Geschichte. „Corona brachte uns erhebliche Einschnitte“, sagt Riemensperger, Jahrgang 1963, heute. Denn die Generation, die seine Hauptkundschaft im „Nachti“ sein müsste, hat das Feiern verlernt. Ein bisschen zumindest. Und das ist ein Problem für die ganze Szene.
Es ist erst ein paar Tage her, da gaben die Betreiber des einzigen Nachtclubs in Fürstenfeldbruck bekannt: Das Buck Rogers macht zu. Ende April steigt die letzte Party, nach 15 Jahren. Es liegt an den fehlenden Partygästen, sagt Betriebsleiter Christian Raatz. „Das Nachtleben hat sich verändert.“ Und: „Die neue Generation lebt es nicht mehr so, wie wir es vor zehn oder 15 Jahren kannten.“ Nach Corona ging es noch ein halbes Jahr heiß her, dann war der Hype wieder weg.
Das stellte auch Max Riemensperger in Freising fest. Sein Club läuft aktuell zwar gut, aber er nutzt nur noch einen Teil der Fläche. Viele junge Menschen hätten während Corona das Feiern gar nicht so mitbekommen. Sie durften nicht raus, die älteren Geschwister, die vielleicht von durchtanzten Nächten in der Disco geschwärmt hätten, auch nicht. „Die Generation, die wir jetzt bräuchten, wurde nicht in den Bann gezogen“, sagt Riemensperger. In den Monaten nach der Pandemie kam sie trotzdem erst mal. Wie auch das Stammpublikum aus Vor-Corona-Zeiten. Die jungen Gäste dachten sich, puh, viele Alte hier. Die Alten fühlten sich nicht wohl, weil zu viele Junge da waren. Schwierige Mischung, das alte Gefüge war plötzlich auf den Kopf gestellt. Und dann ist da noch das allgegenwärtige Handy. „Früher bist du weggegangen, um Leute kennenzulernen, um dich zu verabreden.“ Es ging ums Live-Erlebnis. Heute hängen viele lieber im Gruppenchat ab – und flirten online. Und wer will schon der Musikauswahl des DJs ausgeliefert sein, wenn er auf seinem Handy jeden Song der Welt abspielen kann?
Das mag nach Klischee klingen, ist aber durch Zahlen belegbar (siehe Kasten). Der Verband für Popkultur in Bayern e.V. ist alarmiert. Geschäftsführer Andreas Jäger sagt, dass die extrem gestiegenen Kosten für Personal, Gagen, Technik und Energie die Clubs und Spielstätten eh stark belasten – das geänderte Ausgeh- und Konsumverhalten macht die Lage noch dramatischer. „Exzessive Partynächte sind nicht mehr en vogue“, sagt er. Über die Berliner Clubszene heißt es, dass jeder zweite Laden bedroht ist. Zahlen aus Bayern gebe es nicht, aber Jäger hört und liest ständig von Schließungen landauf, landab. „Das geht über die Marktbereinigung hinaus.“ Was tun? Sein Verband sei mit Politik und Kommunen im Gespräch. „Gerade haben die wenigsten Antworten darauf.“ Besonders schwer sei es für schlecht erreichbare Läden auf dem Land. Wenn das Geld eh schon knapp ist, will man nicht auch noch 50 Euro fürs Taxi ausgeben.
In die Disco vom Christoph Simon kommt man mit dem öffentlichen Nahverkehr quasi nicht. Mit seinem Onkel betreibt der 35-Jährige das legendäre Spinnradl am Spitzingsee. Er sagt: „Der Winter läuft nach wie vor.“ 600 bis 700 Gäste hat er am Wochenende – Einheimische sind kaum darunter. Die Gäste kommen aus Niederbayern, aus Schwaben, aus München. Und zwar im Bus, fünf bis sechs sind es jede Partynacht. Klar – wer extra mit dem Bus anreist, lässt es krachen. Das bestätigt Simon. Aber das Halligalli braucht er dringend im Winter. Denn: „Der Sommer ist tot.“ Jeder Verein feiere seine Feste, hier ein Festival, dort eine Stadlparty. Seit zwei Jahren macht er im Juni, Juli und August zu. Disco lohnt sich heutzutage nur noch ein bisschen.
CARINA ZIMNIOK