INTERVIEW

„Raus aus dem Gedankenkarussell“

von Redaktion

Landesbischof Kopp: Die Fastenzeit hilft uns, wieder klarer zu denken

Über den Wert der Fastenzeit haben wir mit dem evangelischen Landesbischof Christian Kopp gesprochen. © M. Schlaf

Heute beginnt die 40-tägige christliche Fastenzeit. Sie endet Ostern. Die Dauer geht auf einen Bericht aus der Bibel zurück. Dort ist von einer 40-tägigen Gebets- und Fastenzeit Jesu die Rede. In der Fastenzeit geht es nicht nur um den Verzicht auf Genussmittel wie Süßigkeiten, Fleisch oder Alkohol, sondern auch um eine Unterbrechung von Gewohnheiten. Ist Fasten heute noch aktuell? Wir fragten den evangelischen Landesbischof Christian Kopp.

Wie kann man in der Fastenzeit neue Hoffnung schöpfen?

Fastenzeiten sind in den Religionen Konzentrationszeiten. Hoffnung schöpft man dort, wo man es schafft sich zu fokussieren. Einen Punkt zu haben, der einen aus seinem Gedankenkarussell rausbringt. Im Moment ist in unseren Köpfen so viel Belastendes. Da kann es helfen, sich darauf zu konzentrieren, dass es auch noch etwas anderes im Leben gibt.

Wie machen Sie das?

In der Fastenzeit kommen mir immer meine Eltern sehr nahe. Die sind schon vor langer Zeit gestorben. Aber ich bin unheimlich dankbar für das, was sie mir mitgegeben haben. Mein Vater hatte viele Weisheiten, die er von seiner Oma übernommen hatte. Sich in gute Worte hineinzulegen – dafür ist die Fastenzeit eine gute Gelegenheit.

An welchen Spruch denken Sie da?

„Leben und leben lassen“ zum Beispiel. Ich finde, das kann im Moment sehr helfen. Wir arbeiten uns ab an anderen: Warum sind die so? Aber die sind halt, wie sie sind, und ich kann versuchen, meinen Umkreis zu gestalten, wo ich Verantwortung trage und das möglichst christlich respektvoll zu tun, das hilft. Wer Christ sein will und nicht respektvoll mit anderen umgeht, der hat die Aufgabe nicht verstanden!

Fasten hat sich weitgehend entkoppelt von den Kirchen. Es geht eher ums Abnehmen, Handyfasten oder zur Ruhe kommen. Bedauern Sie, dass der Trend Ihnen die Deutungshoheit entrissen hat?

Wir befinden uns in einer großen Mentalitätsveränderung. Wer hat sich früher so stark mit seinem Body beschäftigt, wie wir es heute tun? Man muss aber auch kritisch sagen: Die christliche Tradition hat auch nicht so viel aus dem Fasten gemacht. Wir haben in der evangelischen Kirche die Aktion „Sieben Wochen ohne…“, die ganz wunderbar ist. Aber gibt es Angebote in Kirchengemeinden, wo man in der Fastenzeit zu sich kommt? Da muss man schon ein bisschen suchen. Ich begrüße, wenn Menschen sagen: Verzicht bringt mir wieder mehr Klarheit. Das ist die Grundidee: Jesus ging in die Wüste, sogar 40 Tage, um wieder klarer zu sehen.

Verzicht wird auch auf die Gesellschaft insgesamt zukommen. Sind die Wohlstandsjahre vorbei?

Der große Einschnitt für die Weltbevölkerung war das Jahr 2008 mit der globalen Finanzkrise. Was wir jetzt erleben, sind die Folgen davon, und die sind einschneidend. Zur gleichen Zeit ist das Smartphone erfunden worden. Das heißt: Alle Menschen auf der Welt wissen alles gleichzeitig. Das führt zu großen Veränderungen. Menschen, die damit vertraut sind, hin und wieder zu verzichten, die tun sich leichter in Zeiten, wo der Gürtel enger geschnallt werden wird.

Wie kann Kirche helfen, eine positive Einstellung aufzubauen?

Wir sind eine Organisation, die sich der Hoffnung verschrieben hat. ich wünsche mir von jeder Veranstaltung, dass sie Hoffnung schenkt. Das ist auch oft so, aber da können wir noch nachlegen. Menschen brauchen Menschen. Wir sind eine Organisation, in der viele Menschen aktiv sind. Denen zu helfen, die verzweifelt und manchmal hoffnungslos sind, das ist unser Anspruch. Und auch mein Anspruch an unsere Kirche.

Wegen knapper Kassen muss die Kirche kürzen. Wo wird keinesfalls gefastet?

Kirche ist lokal und Kirche ist persönlich. Ohne das geht es nicht. Daher müssen wir uns fragen: Wie können wir diesen persönlichen Kontakt weiter gut organisieren? Mit weniger Ressourcen ist das weniger möglich. Aber das heißt nicht, dass die Qualität sinkt. Wir brauchen Feiern, Gottesdienste, in denen man die Liebe Gottes spüren kann. Wir brauchen die Bildungsangebote für die Kinder, die tätige Nächstenliebe. Ohne das können wir nicht Kirche sein. Wir brauchen auch das Kümmern, die Seelsorge. Es muss jemanden geben, der echt zuhört. Das sind Punkte, wo wir auf keinen Fall nachgeben können.

Kein Fasten also in der persönlichen Begegnung?

Niemals! Das macht ja Kirche aus!

Artikel 4 von 11