DAS PORTRÄT

Der Weltmeister, den es gar nicht geben dürfte

von Redaktion

Dirk Schwedes aus Tegernbach. © Lorenz

Seit seiner Kindheit dreht sich für Dirk Schwedes alles um Billard. Für den Profi-Spieler ändert sich allerdings 2010 sein ganzes Leben. Bei einem schweren Autounfall wird dem 55-Jährigen aus Tegernbach (Kreis Freising) die rechte Hand abgerissen. Obwohl ihm die Ärzte damals ein abruptes Karriere-Aus prophezeit hatten, wurde Schwedes nun Deutscher Meister im 10-Ball.

Während Dirk Schwedes die Billard-Kugel mit der Nummer 10 in die Hand nimmt, erzählt er von dem Unfall im Jahr 2010, der seine Karriere beinahe für immer beendete. Unterwegs mit seiner damaligen Lebensgefährtin und seinem kleinen Sohn kam es an einem Juli-Tag vor 15 Jahren im Landkreis Freising zu einer Frontal-Kollision, die ihn aus seinem bisherigen Leben katapultierte. Während seine Lebensgefährtin und sein Sohn mit leichten Verletzungen davonkamen, hing sein Leben lange Zeit an einem seidenen Faden. „Mein rechter Fuß und meine rechte Hand waren praktisch abgetrennt“, erinnert sich Schwedes, nur durch sofortige Notoperationen und viel Glück konnten Hand und Fuß gerettet werden. Er zeigt die Narben und erzählt, dass er nur noch wenig Gefühl in seiner rechten Hand hat. Fünf Wochen lag Schwedes im künstlichen Koma, eine Hoffnung, dass er danach jemals wieder Billard spielen könne, gab es für die verantwortlichen Ärzte nicht mehr. Kaum aus dem Koma erwacht, war für ihn aber sofort eines klar: „Ich will zurück an den Tisch.“

Und tatsächlich kam es zu diesem Wunder. Schwedes wird kurz still und sagt dann: „Nachdem ich im November 2024 den Titel geholt habe, habe ich dem Chirurgen ein Foto von der Siegerehrung geschickt. Aufgeben ist keine Option für mich.“ Fortan braucht der 55-Jährige Schmerzmedikamente, aber er hat sich damit arrangiert, hat sich durchgebissen und Lösungswege gefunden, um den Traum weiterzuleben, den er als Neunjähriger für sich entdeckt hatte. „Kurz vor meiner Kommunion hab ich in einer Gaststätte ein Billardspiel gesehen“, erinnert er sich, danach hat ihn das Billard-Fieber gepackt und ein Leben lang nicht mehr losgelassen.

„Billard ist einfach ein toller Sport, man kann es alleine spielen oder in einer Mannschaft – und man kann Billard spielen, bis man 90 ist“, erklärt Schwedes, der nach vielen Erfolgen nun auch Deutscher Meister im 10-Ball geworden ist. Was sich seit dem Unfall für ihn verändert hat: „Früher konnte ich nicht verlieren. Heute weiß ich aber, dass es viel wichtigere Sachen gibt, als zu gewinnen“.
RICHARD LORENZ

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