Mithilfe von Infrarot sind die Vorzeichnungen sichtbar.
Vor der Restaurierung sah das Gemälde so aus.
Mit einer speziellen Kamera durchleuchtet Vanessa Klee das Christusbild. Sie sucht nach Spuren des berühmten Künstlers Lucas Cranach dem Jüngeren. © FOTOS (3): BLfD
München – Es ist der 25. Mai 2023, als im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege ein Gemälde eintrifft. Es zeigt Jesus Christus. Den Zeigefinger der rechten Hand hebt er in die Höhe, in der linken hält er eine Art Reichsapfel. Das Kunstwerk, das seinen Platz eigentlich in der Wallfahrtskirche St. Salvator in Bettbrunn im Landkreis Eichstätt hat, ist über 450 Jahre alt. Was man dem Bild auch ansieht: Es muss restauriert werden. Erst einmal ein gewöhnlicher Fall für die Experten. Ein Detail aber macht es zu einem ungewöhnlichen. Über dem Scheitel des Gottessohnes sind zwei winzige Buchstaben zu erkennen: „L“ und „C“. Genau so hat einer der bedeutendsten Maler der deutschen Renaissance seine Werke signiert: Lucas Cranach der Jüngere. In der Kirchengemeinde wird das Gemälde seit 2003 deshalb als „echter“ Cranach geführt.
Es ist der Auftakt eines Kunst-Krimis, der zwei Restauratorinnen in seinen Bann zieht: Julia Brandt und Vanessa Klee. Sie wollen den Cold Case Cranach aufklären. Was die beiden Frauen noch nicht wissen: Der Fall wird sie fast zwei Jahre beschäftigen. Um ihn zu lösen, ziehen sie alle Register. Modernste Technologien kommen bei ihrer Spurensuche zum Einsatz. Und die stellt sich als kompliziert heraus, das Christusbild aus dem Jahr 1570 ist stark angeschlagen. Der Firnis, eine transparente Schutzschicht, ist mittlerweile ganz gelb. Außerdem ist das Kunstwerk mit weißen Flecken und Streifen übersät.
Mit allen Mitteln der Kunsttechnologie untersuchen sie das Christusbild. Durchleuchten es mit speziellen Infrarotgeräten und röntgen es. Schritt für Schritt lernen sie das Gemälde und den unbekannten Schöpfer besser kennen. Sehen, ob der für die Vorzeichnungen Bleistift oder Kohle benutzt hat. Beim vorliegenden Bild hat er mit beiden Techniken gearbeitet. Was sie jetzt auch wissen: Sie sind nicht die ersten, die den mutmaßlichen Cranach restaurieren. In über 450 Jahren wurde er mindestens zweimal überarbeitet.
Aufwendig bleibt auch die Spurensuche. Das Christusbild ist im Zentrallabor der Behörde angekommen, wird auf Farbpigmente untersucht. So lässt es sich zeitlich noch genauer einordnen. Nah und nach kristallisiert sich heraus: Zeitlich würde das Gemälde zu Cranach passen, stilistisch gibt es aber Bedenken. Irgendwann beschließen die Expertinnen, den alten Firnis abzunehmen. Sie wollen das Kunstwerk wieder zum Leuchten bringen, ihm seine ursprüngliche Farbsättigung zurückgeben. So lässt sich auch der lateinische Schriftzug noch besser lesen. Endlich können Brandt und Klee die beiden Buchstaben eindeutig entziffern und stellen fest: Das mutmaßliche „C“ ist ein „G“. Nach knapp zwei Jahren und unzähligen Stunden Arbeit haben sie Gewissheit: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist es kein Cranach. Enttäuscht sind sie nicht. Dazu bleibt keine Zeit. Die Suche nach dem mysteriösen Künstler geht weiter. Eine heiße Spur führt ins Augsburg des 16. Jahrhunderts. Es könnte Melchior Manlich, einem damals bekannten Kaufmann, gewidmet sein. Darauf deuten die lateinischen Verse hin. Die große Frage bleibt, welcher Künstler hinter den Initialien „L.G.“ steckt. Einiges deutet auf Lattanzio Gambara aus dem italienischen Brescia hin.
TOBIAS SCHWANINGER