Monika stoppt die Schockanrufer

von Redaktion

Münchnerin hält die Täter hin – bis die Polizei zuschlagen kann

Monika Sturm legte die Telefon-Gauner aufs Kreuz. © Jantz

München – So ein „Opfer“ ist der Albtraum aller Ganoven: Die 62-jährige Münchnerin Monika Sturm spielte über drei Stunden am Telefon das Theater von Schockanrufern mit, während ihr Mann gleichzeitig die Polizei rief, sodass diese das Geschehen begleitete. Am Ende der Lockvogel-Nummer stand die Verhaftung eines Bandenmitglieds – ein per Internet angeheuerter Geldbote, der gestern vor dem Amtsgericht München verurteilt wurde.

Monika Sturm berichtet: „Zuerst mimte eine Anruferin meine Tochter, weinte ‚Mama, ich bin verhaftet worden‘. Danach kam eine falsche Polizistin an den Hörer, die flunkerte, meine Tochter habe bei einem Unfall eine Frau getötet und ein Kind verletzt. Ich könne sie vor dem Gefängnis retten, wenn ich eine Kaution zahle.“ Dumm nur: Monika Sturm hat gar keine Tochter, sondern zwei Söhne.

Sogleich bat sie stumm ihren Mann, die Polizei zu rufen, die auch gleich kam. So erlebten die Beamten fast das ganze Telefonat mit. Und das hatte es in sich. „Es war anstrengend, denn ich habe mich auf die Situation eingelassen“, beschreibt Sturm, die früher als Schuldnerberaterin gearbeitet hat. „Ich kann jetzt den Stress verstehen, unter dem arglose Senioren stehen. Ein falscher Staatsanwalt machte etwa mit mir ein ‚Kautionsprotokoll‘. Danach musste ich in meiner Wohnung herumlaufen, alles Gold einsammeln und auf der Küchenwaage wiegen.“

Sogar auf dem Weg zur Bank blieben die Täter am Telefon, gaben unentwegt Anweisungen. Zuletzt tauschte die Polizei Monika Sturms Bargeld gegen Falschgeld, damit sie bei der Übergabe nicht wirklich etwas verlor. „Die Schockanrufer fragten, ob ich zum Amtsgericht kommen könne“, so die Seniorin. „Aber ich sagte Nein, sodass es hieß: Wir schicken jemanden!“ So schnappte schließlich vor Sturms Wohnung im Kieferngarten die Falle zu. Darin gefangen: Ramir H., ein 27-jähriger Ukrainer, der seit drei Jahren in Deutschland lebt. Und seither drei Mal verurteilt wurde, „zuletzt ebenfalls wegen eines Vermögensdelikts“, stellte Richterin Laura Fischer fest. Obwohl sich der Angeklagte wort- und tränenreich entschuldigte, verurteilte sie ihn zu zwei Jahren und zwei Monaten Gefängnis – nicht wenig für einen Täter, der sich für 200 Euro Lohn als Beute-Abholer über den Nachrichtendienst Telegram hatte anwerben lassen. Sie wolle ein Zeichen setzen, so Fischer: „Wer in Bayern bei so einem Trickbetrug mitmacht, muss ins Gefängnis“, bestätigte sie den Staatsanwalt.

Lockvogel Monika Sturm bereut den anstrengenden Nachmittag nicht, den sie letztes Jahr im September erlebt hat. „Senioren betrügt man nicht auf diese Art, das ist unmoralisch“, sagt sie. „Ich wünschte mir nur, die Leute würden besser informiert. Etwa darüber, dass man in Deutschland nach einem Unfall nicht ins Gefängnis muss. Oder dass es bei uns keine Kaution gibt, mit der man freikommt. Und dass die Polizei niemals jemanden bitten würde, seinen Schmuck auf der Küchenwaage zu wiegen oder Bargeld in einen Umschlag zu stecken.“

Wichtig sei ihr auch, dass die Polizei anhand der Handydaten des Geldboten jetzt vielleicht die Hintermänner der Betrügerbande ausfindig machen könne. Denn diese bewegen sich im Ausland immer noch in Freiheit.
Isabel Winklbauer

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