DAS PORTRÄT

Der Hörbuchautor mit Scharfblick

von Redaktion

Bernd Späth aus Söcking.

Eine Gastwirtin mit Bewegungszwang, ein notorisch krimineller Kellner, das komplizierte Liebesleben eines Opernsängers und ein besonderer Brauch der Sargträger in einem Dorf bei Bruck: Der Söckinger Autor Bernd Späth hat allerhand Hintergründiges in seinem neuen Hörbuch zusammengefasst. In seinen sonor vorgetragenen Geschichten veranschaulicht der Coach, dass hinter jedem seltsamen Verhalten gute Gründe stecken. Man muss sie nur finden.

Für die kleinen Seltsamkeiten seiner Mitmenschen hat Bernd Späth seit Jahrzehnten ein scharfes Auge. In seinem neuen Hörbuch „Freud für Bayern“ verbindet der aus Bruck stammende Autor Geschichten aus seinem Leben mit psychoanalytischem Hintergrundwissen. Den Sargträger-Brauch erlebte Späth zum Beispiel bei der Beerdigung seines Großvaters. Es sei damals üblich gewesen, den Sarg erst nach Abzug der Trauergemeinde ins Grab zu senken, da man nie sicher sein konnte, ob die Grube von den – in der Regel alkoholisierten – Totengräbern auch groß genug ausgehoben worden war. Wenn nicht, konnte es peinlich werden. Und das wollten die Trauergäste nicht mitansehen. „Die Geschichte ist zu 100 Prozent echt“, versichert Späth.

Das neue Werk ist nicht Späths erstes Hörbuch, wohl aber das erste, das er selbst produziert hat. Warum hat er die lehrreichen Geschichten eingesprochen hat, anstatt sie zwischen Buchdeckel zu packen? Die Verlagssuche war ihm zu langwierig, sie wäre für ein gedrucktes Buch aber notwendig gewesen. „Und wenn man einen Verlag gefunden hat, dauert es immer noch Jahre, bis ein Buch tatsächlich erscheint.“ Ein Hörbuch zu machen, sei dagegen schneller und unkomplizierter möglich. Außerdem weiß der Autor, dass seine sonore Bassstimme „in der Regel ganz gut ankommt“.

Die Anekdoten helfen, psychische Prozesse wie Verleugnung und Verdrängung zu erklären, sie beschreiben Phänomene wie Narzissmus und die möglichen Hintergründe eines exzessiven Bewegungsdrangs. Dieser sei zum Beispiel bei vielen Essgestörten zu beobachten. „Damit sollen unbewusste Ängste und depressive Zustände abgebaut werden“, sagt der Autor. „Wenn man bei anderen merkwürdiges Verhalten beobachtet, kann man danebenstehen und feixen, oder man kann versuchen zu kapieren, was dahintersteckt“, sagt Späth. Ihm war Letzteres immer lieber, zumal er nach einer schwierigen Kindheit und Jugend auch selbst eine umfangreiche Psychoanalyse durchlaufen hat.

Bis auf Arktis-Expeditionen, von denen der 74-Jährige einige gemacht hat, finde er nichts spannender, als unbewusste Prozesse sichtbar zu machen. Immer wieder beobachtet Späth, wie Fachbegriffe wie Narzissmus, Borderline-Störung oder Zwanghaftigkeit falsch verwendet werden. Insofern soll „Freud für Bayern“ – das Cover zeigt den Vater der Psychoanalyse mit einem Masskrug in der Hand – neben Unterhaltung auch einen fundierten Erkenntnisgewinn bieten.
ULRIKE OSMAN

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