Beim Abtransport Münchner Juden am 20. November 1941 waren auch Gestapo-Beamte vor Ort.
Das Wittelsbacher Palais war Sitz der Gestapo. 1944 wurde es zerstört. Heute ist hier die Landesbank. © Archiv Marburg
Verantwortlich für Juden-Deportationen: Gestapo-Chef Oswald Schäfer, von der Polizei nach 1945 fotografiert. © Verlag (2)
München – Das Wittelsbacher Palais, erbaut 1843/48 von Friedrich von Gärtner im Auftrag von König Ludwig I., hat eine wechselvolle Geschichte: Es war Wohnsitz von König Ludwig III., Dienstort verschiedener Ministerien, ehe sich 1933 die neu gegründete Bayerische Politische Polizei einmietete. Die bald so genannte Geheime Staatspolizei, kurz Gestapo, errichtete ein Terrorregime über München und Oberbayern.
Der Historiker Erich Kasberger aus Pöcking hat nun eine voluminöse Studie zu dieser Geheimpolizei vorgelegt. Lange Zeit dachte man, so ein Buch sei gar nicht machbar, denn bis auf drei Ausnahmen (Würzburg, Düsseldorf und Speyer) wurden die Gestapo-Personalakten 1945 überall vernichtet – und, von einzelnen Gerichtsverfahren nach 1945 abgesehen, verschwanden ihre Beamten damit auch aus dem Blickfeld von Öffentlichkeit und Forschung. Kasberger hat jedoch einen Umweg gewählt: Er nutzte die Spruchkammerakten und konnte so die Karrierewege der meisten der insgesamt etwa 900 Münchner Gestapo-Beamten rekonstruieren. 808 Beamten werden am Ende des Buches in Kurzbiografien genannt. Das ist eine beeindruckende Forschungsleistung.
Mit dem 1934 errichteten Hausgefängnis, in dem unter anderem auch die Geschwister Scholl inhaftiert waren, bildete das Palais eine „Symbiose des Schreckens“, wie Kasberger schreibt. Erster Chef wurde Reinhard Heydrich, Vertrauter von SS-Chef Heinrich Himmler und später maßgeblicher Organisator millionenfachen Judenmords. Er wechselte schon 1934 nach Berlin. Bis 1945 gab es fünf weitere Gestapo-Chefs. Jakob Beck, Walter Stepp, Lothar Beutel, Erich Isselhorst und Oswald Schäfer kennt wohl kaum jemand. Sie waren für die Verfolgung und Ermordung tausender Regimegegner und Juden zwischen 1934 und 1945 verantwortlich. Nur Isselhorst wurde nach 1945 von einem alliierten Militärgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die anderen kamen mit geringen Strafen davon, selbst Schäfer, in dessen Amtszeit die Münchner Juden deportiert wurden, erhielt nur zwei Jahre Haft, das Urteil erzeugte 1950 einen kurzzeitigen Skandal.
Der typische Gestapo-Beamte war kein Bürokrat, sondern verstand sich als Teil einer „völkisch“, also weltanschaulich geschulten Elite und als „kämpfende Verwaltung“. Der Begriff Schreibtischtäter trifft es nicht, denn viele dieser Beamten schlugen bei Verhören brutal zu. Drohungen, Schläge, stundenlange Verhöre – „Sie können überzeugt sein, dass wir alles versuchen werden, aus einem Menschen herauszubekommen, was wir wissen wollen“, teilt einer dieser Schläger der Ehefrau eines Verfolgten mit. Manche schmeichelten sich auch ein, so erfolgreich, dass Robert Scholl, Vater von Sophie und Hans Scholl, nach 1945 sogar zugunsten eines dieser Verhörbeamten aussagte. Johann Pfeuffer, Leiter der „Judenabteilung“, kam nach Zeugenaussagen bei der Durchsicht von Listen mit zu deportierenden Juden regelmäßig ins Schwitzen. Er ließ sich sogar dazu überreden, einzelne Namen zu streichen – was ihm später positiv ausgelegt wurde obwohl es am Gesamtresultat, dem tausendfachen Tod der Münchner Juden, natürlich nichts änderte.
Kasberger weist eine ältere These des kanadischen NS-Forschers Robert Gellately zurück, der Denunziationen aus dem „Volk“ eine maßgebliche Rolle bei der Ingangsetzung der Verfolgung zugeschrieben hatte. Der Autor verweist indes auf die Bedeutung moderner Polizei-Technik, die eine systematische Gegnererfassung ermöglichte. „Das zentrale Instrument zur Erfassung, Auslese und Ausgrenzung von Bevölkerungsgruppen waren Karteien“, schreibt er. Nichts wurde gelöscht, jedes Indiz konnte noch nach Jahren gegen den Verfolgten verwendet werden. Auch bei der Rekrutierung von Spitzeln war die Gestapo erfolgreich – einzelne waren für die Gefangennahme dutzender Kommunisten verantwortlich. Und was man bisher nicht wusste: Viele Gestapo-Beamten sammelten auch selber. 170 der 900 Geheimpolizisten waren auch Blockwarte und beobachteten ihr Wohnquartier.
Allerdings hat das Buch auch Schwächen: Es ist zu dick. Es gibt zahlreiche Wiederholungen, einige Kapitel wirken unstrukturiert. Das soll diese Pionierleistung aber nicht schmälern. Die Stärke des Buches sind die Biografien und die Fotos. Die Gestapo-Beamten, denen doch so viel an Geheimhaltung lag, bekommen 80 Jahre nach Kriegsende endlich ein Gesicht.
DIRK WALTER
Das Buch
Erich Kasberger: Macht auf Zeit. Die Gestapo München, Volk Verlag, 768 S., 49,90 Euro