„Höchste Zeit für echte Lösungen“: Angela Inselkammer.
„Kosten gehen durch die Decke“: Wirt Schottenhamel.
Wie teuer ist das Schnitzel? Der Preis für eines der beliebtesten Wirtshaus-Gerichte schwankt stark. © Anna Mardo/Getty
München – Ein Jahr, zwei Monate, elf Tage ist es her, dass in der Gastronomie die höhere Mehrwertsteuer von 19 Prozent eingeführt wurde. Besser gesagt: wieder eingeführt wurde. Während Corona hatte die Politik den Satz auf sieben Prozent gesenkt. Jetzt macht die Politik die Rolle rückwärts: Union und SPD haben sich bei den Sondierungsgesprächen in Berlin wohl darauf geeinigt, die Mehrwertsteuer dauerhaft auf sieben Prozent zu senken. Wird der Restaurantbesuch bald günstiger?
Christian Schottenhamel, Wirt des Paulaner am Nockherberg, fragt sich zunächst einmal, weshalb der Umstellungswahnsinn jetzt überhaupt wieder losgehen muss. „Das hätten wir uns sparen können, wenn der Steuersatz nach der Pandemie einfach bei sieben Prozent belassen worden wäre“, sagt der Münchner Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga. Kassensysteme müssten jetzt wieder umprogrammiert und Speisekarten neu gedruckt werden – aber nicht unbedingt mit günstigeren Preisen. Seit der Pandemie legt Schottenhamel bis zu 20 Prozent mehr für den Einkauf hin und 21 Prozent mehr für Löhne. „Dazu kommen viel höhere Kosten für die Energie“, sagt er. „Die Steuererleichterung benötigen alle Gastronomen, um ihre aktuellen Preise überhaupt halten zu können.“ Den Preis für eine Portion Kaiserschmarrn zum Beispiel hatte Schottenhamel zum Januar vergangenen Jahres um 60 Cent auf 15,50 Euro erhöht – und dabei bleibt es: „Die geplante Steuererleichterung ist nicht dazu da, den Bürger zu entlasten, sondern um das Wirtshaussterben aufzuhalten. Vor allem auf dem Land, aber auch hier in der Stadt schließt ein Lokal nach dem anderen, weil die Kosten für uns Gastronomen durch die Decke gehen.“
Die Zahlen, die die bayerische Dehoga-Präsidentin Angela Inselkammer vorliegen hat, sind tatsächlich besorgniserregend. „Die Lage ist kritisch“, sagt die Geschäftsführerin des Brauereigasthofs Aying. Fast 42 Prozent der Gastrobetriebe befürchteten einer aktuellen Umfrage zufolge, 2025 in die Verlustzone zu rutschen. 60 Prozent der gastgewerblichen Betriebe vermeldeten eine problematische Finanzlage, über 80 Prozent müssten zudem Investitionen zurückstellen. Angela Inselkammer sagt: „Es ist allerhöchste Zeit für echte Lösungen.“
Susa Almang, Wirtin in München, sieht das ähnlich. Sie betreibt das Steinheil nahe der Uni, zu ihr kommen viele Studenten und Gäste mit einem kleineren Geldbeutel. Für 17,90 Euro bekommt man bei ihr ein großes Schnitzel mit Pommes. Das ist der Preis, den Susa Almang zum 1. Januar 2024 in die Speisekarte geschrieben hat, eine kleine Erhöhung, als die Mehrwertsteuer angehoben wurde. Ganz ohne Aufschlag wäre es nicht gegangen, sagt sie: „Man kann nicht einfach auf zwölf Prozent verzichten.“ Sinkt die Steuer wieder, wird der Schnitzelpreis bleiben. „Ich werde meinen Küchenleuten mehr bezahlen“, sagt Susa Almang. Sie findet den reduzierten Steuersatz für die Gastronomie nur fair – schließlich gelte der auch für Lieferdienste, die das Essen aus den Lokalen zum Kunden bringen. Dazu kommen die gestiegenen Kosten für Energie, Lebensmittel, Personal: Wirte müssen knapp kalkulieren. „Man hat in München gesehen, was mit Traditionslokalen passiert“, sagt sie. Zuletzt verkündete ein Wirt nach dem anderen das Aus: Lucullus, Pasta e Basta, Sushi and Soul, Tresznjewski – sie alle gibt es nicht mehr. „Und dann geht da einfach eine Kette rein“, bedauert Almang. Da gehe vieles verloren.
Beim „Pfeil“ in Bergkirchen kostet das Schnitzel mit Pommes und Salat 13,60 Euro – das Auf und Ab bei der Steuer haben die Gäste des Familienbetriebs im Kreis Dachau am Preis nicht bemerkt. Und so wird es auch bleiben: „Eine niedrige Mehrwertsteuer ändert am Verkaufspreis nichts“, sagt Birgit Wurlitzer, die den Betrieb mit ihren beiden Brüdern führt. „Für uns ändert sich, dass wir wieder über Investitionen nachdenken können.“ Den günstigen Preis können sie beim „Pfeil“ eh nur halten, weil sie alle mit anpacken: „Ich bin eigentlich für das Büro zuständig“, sagt Birgit Wurlitzer. „Aber ich koche und putze halt auch, wenn es nötig ist.“ Anders, sagt sie, geht es nicht.
CAZ, SCO, MBE