Der Menschen-Zeichner aus der S3

von Redaktion

Er schaut genau hin: Wenn Georg Buchner-Baucevich S-Bahn fährt, entstehen fast immer Porträt-Skizzen.

Er verschenkt Aufmerksamkeit – und eine Skizze: Georg Buchner-Baucevich porträtiert in der S3 Fahrgäste. © Marcus Schlaf (2)

München/Otterfing – Georg Buchner-Baucevichs Komplimente beginnen stets mit einer Frage: „Darf ich Sie zeichnen?“ Ein sonniger März-Abend, gerade ist er in die S3 Richtung Holzkirchen gestiegen, hat sich auf einen leeren Platz gesetzt und seinen Zeichenblock aus dem Rucksack gezogen. Vor ihm sitzt ein junger Mann, er hört Musik. Für Georg Buchner-Baucevich stellt er sie aber ab. „Sie haben mich schon mal gezeichnet“, sagt er und lächelt. „Ich habe also eine Referenz.“ Auch Georg Buchner-Baucevich lächelt. Passiert ihm manchmal, dass jemand zweimal vor sein Zeichnerauge gerät. Er zieht einen Bleistift aus seiner Westentasche und bringt die ersten Linien auf das Papier.

„In Unterhaching muss ich aussteigen“, sagt der Mann. Er sieht nicht, was Buchner-Baucevich zeichnet – nur den konzentrierten Blick. „Das schaffen wir“, sagt Buchner-Baucevich. Er gibt sich immer zwei Haltestellen Zeit für eine Skizze. Länger darf es nicht dauern, dafür ist zu viel Kommen und Gehen in der S-Bahn. Kurz vor der Haltestelle ist er fertig. Nur ein paar Bleistiftstriche, aber der Mann ist zu erkennen. Er lächelt, als er die Skizze betrachtet. „Würden Sie mir das mit Datum signieren?“, fragt er. „Falls wir uns noch mal treffen.“

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das passiert. Denn Georg Buchner-Baucevich fährt sehr oft mit der S-Bahn. Immer Linie S3, immer zwischen Giesing und Holzkirchen. Er betrachtet die Menschen, manchmal fragt er sich, was ihre Geschichten sind. Und häufig beginnt er einfach damit, sie zu zeichnen. Wenn sie es bemerken, fragt er um Erlaubnis und sagt sofort dazu, dass er kein Geld möchte, sondern ihnen die Skizze schenken wird. Manchmal merken die Bahnfahrer auch erst, dass sie porträtiert wurden, wenn er ihnen seine Zeichnung überreicht. Fast immer entstehen dabei kleine Gespräche. Es sind diese Begegnungen mit Fremden, für die Georg Buchner-Baucevich zeichnet. „Meine Zeichnungen sollen ein Kompliment sein“, sagt er. Er möchte Unbekannten Aufmerksamkeit schenken, ihnen das Gefühl geben, dass sie gesehen werden. Das kostet ihn nur ein Blatt Papier und ein paar Minuten seiner Zeit. Wenn sich jemand über die Skizze freut, freut er sich auch.

Das Zeichnen hat Buchner-Baucevich schon in seiner Jugend Spaß gemacht. Aber fast hätte er es verloren. Als er vor vielen Jahren seinen kleinen Söhnen Zeichenstifte zur Beschäftigung gab, entdeckte er seine eigene Leidenschaft fürs Zeichen aufs Neue. Damals ahnte er noch nicht, wie sehr sie ihm einmal aus einem tiefen Loch helfen würde.

Früher war er Anwalt. Mit 45, als er mit diesem Beruf viel Geld verdiente, gab er ihn auf, um seine Mutter zu pflegen. Sie wurde 96. Um sie 15 Jahre lang zu Hause versorgen zu können, hat Georg Buchner-Baucevich seine Ersparnisse aufgebraucht. Heute ist er 72 – und auf Unterstützung vom Staat angewiesen. Seine Entscheidung hat er nie bereut. Aber als seine Mutter nicht mehr da war, kam er mit der Leere nicht zurecht. Er trank zu viel, bekam Depressionen, machte Therapien in Kliniken. Und begann dort wieder zu zeichnen. Mit seiner Biografie geht er offen um. Sein Leben ist so wenig perfekt verlaufen, wie auch seine Skizzen nicht perfekt sind. „Fehler gehören dazu“, sagt er. Es geht ihm nicht darum, kunstvolle Porträts zu verschenken. Er verschenkt Aufmerksamkeit.

Ganz selten passiert es, dass jemand nicht von ihm gemalt werden möchte. Meistens sind es Geschäftsmänner im Anzug. Dann ist schnell von Bildrechten die Rede. Kann er trotz seines juristischen Sachverstands nicht nachvollziehen. Schließlich bekommt ja jeder die Skizze geschenkt.

Seit zehn Jahren fährt Buchner-Baucevich mit Block und Stift S-Bahn. Er lebt in Otterfing, in einer Wohnung mit trister Aussicht. „Ich brauche Menschen um mich“, sagt er. Bücher und Filme können ihm das nicht geben, was er in der S-Bahn erlebt. Er ist in München geboren, aber in der Türkei und Griechenland aufgewachsen. Dort war er mit seinen blonden Locken und den hellblauen Augen immer der Außenseiter. Manchmal fehlt ihm hier in Bayern das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, sagt er. Außer, wenn er in einer S-Bahn sitzt, in der alle auf ihre Handy-Displays starren und keiner außer ihm die Menschen um sich herum wahrnimmt. Er liebt diese Momente, aber er zehrt nicht davon. Wenn er wieder zu Hause ist, denkt er nicht mehr an die Menschen, die er stumm studiert hat. Obwohl er zu Hause ein paar Skizzen aufbewahrt – von denen, die ausgestiegen sind, bevor er ihnen ein gezeichnetes Kompliment machen konnte. Wie viele Menschen er schon porträtiert hat, kann er schwer schätzen. „Der Papierstapel wäre wohl sicher zwei Meter hoch.“ Schöner findet er den Gedanken, dass seine Skizzen in Wohnungen aufbewahrt werden.

Georg Buchner-Baucevich ist gerade wieder in eine Skizze vertieft. Er merkt gar nicht, dass er selbst gerade beobachtet wird. Ein paar Plätze weiter verfolgt ein Mann, wie er mit wenigen Strichen einen Fahrgast porträtiert. Er hat Georg Buchner-Baucevich schon oft beim Zeichnen gesehen. Kurz bevor er aussteigt, kommt er rüber und sagt: „Ich finde es nett, was Sie da machen!“ Der 72-Jährige lächelt. „Habe ich Sie schon mal gemalt?“, fragt er. „Leider nein“, sagt der Fremde. „Dann beim nächsten Mal“, sagt Buchner-Baucevich. Ein Grund mehr für ihn, weiterhin S-Bahn zu fahren.

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