Die 30-Milliarden-Liste der Versäumnisse

von Redaktion

Die Bahn hat viele Projekte, aber wenig Geld – Ein Infrastrukturfonds könnte helfen

Vision: An der Poccistraße in München soll ein Bahnhof entstehen. © DB

Lange diskutiert: Die S7-Verlängerung, hier der tiefer gelegte Bahnhof Wolfratshausen. © DB

Schicht im Schacht? Blick in den Rettungsstollen zur 2. Stammstrecke. © Marcus Schlaf

München – An Ideen ist kein Mangel, allein die Umsetzung fehlt. Würden die wichtigsten Bahnprojekte in Südbayern tatsächlich verwirklicht, wären weit über 30 Milliarden Euro notwendig, zeigen Berechnungen unserer Zeitung. Geld könnte aus dem 500 Milliarden Euro schweren Infrastrukturfonds des Bundes kommen, der gerade diskutiert wird. Dabei ist zu beachten, dass er auf zehn Jahre begrenzt sein soll – viele Projekte sind indes nicht durchgeplant, so dass ein Baustart in diesem Zeitraum schwierig werden könnte. Hier eine Liste der wichtigsten Projekte.

Schon lange geplant ist der zweigleisige Ausbau München–Mühldorf–Freilassing, kurz ABS 38, inklusive einer Elektrifizierung. Geschätzte Kosten offiziell: 2,3 Milliarden Euro inklusive der neun Kilometer langen Walpertskirchener Spange, die von der Strecke Richtung Erding abzweigen soll. Jedoch können „die tatsächlichen Kosten erst im Vorfeld der Bauausführung“ genannt werden, sagt eine Bahnsprecherin. In einem ersten Schritt werden bis Ende 2027 vier Stellwerke modernisiert. Baurecht für die ersten 4,8 Kilometer bei Dorfen wird in diesem Jahr erwartet, der Bau könnte frühestens 2028 starten. Der Brenner-Nordzulauf im Inntal würde sieben Milliarden Euro, mit gefordertem Tunnel unter dem Inn etwa zehn Milliarden Euro kosten. Hinzu käme der viergleisige Ausbau Grafing-Großkarolinenfeld gemäß der von der Bahn ausgewählten Trasse „Limone“ (ohne verlängerten Tunnel) für 1,48 Milliarden (Stand 2022).

Bei Augsburg–Ulm ist eine zweigleisige Neubaustrecke über Zusmarshausen geplant. 2024 wurde die Vorzugstrasse vorgestellt, über die in einem nächsten Schritt der Bundestag entscheiden muss. Baubeginn wäre in den 2030er-Jahren. Kosten (Stand 2022) ganz grob geschätzt: 5,5 Milliarden Euro.

Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) will sich auf Anfrage nicht äußern, welche Projekte er für besonders dringlich hält und mit Geld aus dem Infrastrukturfonds bedenken würde. Der Bahnexperte der Grünen im Landtag, Markus Büchler, sagt: Das Geld aus dem Fonds könnte die von der Bahn geplante Generalsanierung der Strecken München–Salzburg (2027) und Regensburg–Passau (2026) abdecken „und dann hoffentlich noch viele kleinere Vorhaben, die den Nahverkehr in der Fläche stabilisieren“. Andreas Barth von Pro Bahn hält vor allem den Brenner-Nordzulauf für vordringlich. Der Brenner-Basistunnel werde 2032 eröffnet. „Wir sind hintendran und müssen dringend Zeit aufholen.“ Unstrittig muss aber der Fokus auch auf dem S-Bahn-Ausbau liegen: Pasing–Fürstenfeldbruck: Der Freistaat finanziert die Planung zweier weiterer Gleise entlang der S4 mit 41 Millionen Euro. Eine Kostenschätzung gibt es bisher nicht. Verlängerung der S7 Wolfratshausen–Geretsried: Für die 9,2 Kilometer lange eingleisige Neubaustrecke wurden im Sommer 2024 433 Millionen Euro Baukosten genannt. Erdinger Ringschluss: Die Verlängerung vom Flughafen bis Schwaigerloh ist in Bau, was noch fehlt, ist der Abschnitt Schwaigerloh–Altenerding mit Tunnel und Neubau eines S-Bahnhofes in Erding. Auch hier ist keine solide Kostenschätzung bekannt.

Im Münchner Stadtgebiet gibt es ebenfalls Milliarden-Projekte. Hier die wichtigsten: Zweite Stammstrecke in München: Inbetriebnahme nach Angaben der Bahn aktuell Ende 2036. Kosten 7,2 Milliarden Euro (Stand 2022), es wurden auch schon 8,5 Milliarden Euro (2023) genannt. In diesem Jahr wird eine neue Kostenschätzung erwartet. Ausbau Bahnhof Pasing mit neuem Süd- und Nordbahnsteig. Allein der Nordbahnsteig soll 500 Millionen Euro kosten. Neubau Hauptbahnhof (mit Starnberger Flügelbahnhof): in Bau, endgültige Fertigstellung zusammen mit der 2. Stammstrecke. Geschätzte Kosten mittlerweile über eine Milliarde Euro, die allein die Deutsche Bahn tragen muss. Von Gleis 11 bis 26 mit Abgängen zu allen Bahnsteigen dazwischen soll ein Fußgängersteg gebaut werden. „Das würde die Fahrgäste gerade bei den Bauarbeiten jetzt entlasten“, sagt Andreas Barth von Pro Bahn. „Leider wird dieses Projekt trotz Landtagsbeschluss nicht konsequent vorangetrieben.“ Regionalzughalt Poccistraße mit 340 Meter langem Bahnsteig. Ein erster Beschluss fiel 2018. Nun soll 2026 nach acht Jahren (!) die Planfeststellung abgeschlossen sein. Auch hier äußert sich Andreas Barth kritisch: „Der Halt wird absehbar zu klein geplant mit nur einem Bahnsteiggleis je Richtung.“ Notwendig wären zwei Bahnsteige, um auch S-Bahn-Halte zu ermöglichen. „Hier fehlt die Voraussicht, die die Planer der S-Bahn in den 1960er-Jahren hatten.“ Wie auch immer: Kosten sind noch nicht bekannt.

Zwei weitere Projekte liegen in weiter Ferne: Für den Pendelzugverkehr auf dem Nordring zwischen Karlsfeld und/oder Moosach und dem BMW Forschungszentrum FIZ muss die Strecke ertüchtigt erden. Der viergleisige Ausbau Daglfing–Johanniskirchen an der S8 würde 900 Millionen ohne, 2,4 Milliarden mit dem von der Stadt München geforderten 2,7 Kilometer langen Tunnel kosten (Schätzung 2023). Die Bauzeit würde zwölf Jahre betragen. Hinzu kommen U-Bahn-Projekte, etwa die Verlängerung der U-Bahn-Linie 5 bis Pasing, an der bereits gebaut wird, und die neue U9 Implerstraße bis Münchner Freiheit für zusammen 5,3 Milliarden Euro.

Unterm Strich kosten alle Projekte, zu denen Kostenschätzungen vorliegen, zusammen 33,1 Milliarden Euro. Nicht berücksichtigt ist dabei die Instandhaltung von Gleisen sowie Ausbauvorhaben in Nordbayern. Hinzu kämen auch die Kosten für kleinere Projekte – etwa die Elektrifizierung Ebersberg-Wasserburg und das zweite Gleis an der S8 Steinebach–Seefeld – sowie für Großprojekte wie Pasing–Fürstenfeldbruck, den Erdinger Ringschluss oder den erst angedachten zweigleisigen Ausbau Weilheim–Garmisch-Partenkirchen, wozu bisher keine Kostenschätzungen existieren.
DIRK WALTER

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