„Würzburg wurde abgefackelt“: Aufräumarbeiten am Main nach dem Angriff im März 1945. © Stadtarchiv Würzburg
München/Würzburg – Was bleibt nach einem Brand übrig? Ein Märklin-Metallbaukasten, zehn Hühner, die im Garten umherirren und in einem Sack eingefangen werden, zwei Fahrräder und zwei Stühle. Und einige Lebensmittel, die erstaunlicherweise im Keller überdauerten, wie sich Peter Ehlers erinnerte. Der Zeitzeuge, bei der Befragung 2005 70 Jahre alt, rang mit den Worten, um das zu beschreiben, was er erlebt hatte. „Würzburg wurde abgefackelt, buchstäblich“, sagte der Gräfelfinger schließlich.
Würzburg im Bombenkrieg: In Zahlen normiert, ergibt sich das Folgende: 17 Minuten Bombardement am 16. März 1945 ab 21.25 Uhr, 256 Sprengbomben zu je 500 Kilo, 397 650 Stabbrandbomben, abgeworfen von 225 Lancaster- und elf Mosquito-Maschinen der britischen Bomber Group Nr. 5 – des am professionellsten agierenden Luftstreitverbands, den die Royal Air Force hatte. Mit einem Zerstörungsgrad von 82 bis 90 Prozent wurde Würzburg nach Dresden und Pforzheim zu der am drittstärksten zerstörten Stadt Deutschlands.
Es war der letzte große Angriff, der Würzburg mit seiner Residenz so vollständig zerstörte, dass amerikanische Militärs nach Kriegsende ganz im Ernst daran dachten, es gar nicht wieder aufzubauen. Militärisch unbedeutend war die Stadt, da sind sich die Historiker einig. Würzburg war erst im Februar 1945 als so genanntes Ausweichziel für Berlin oder Dresden in den britischen Planungen aufgetaucht, schreibt der Historiker Jörg Friedrich. „Ein militärischer Nutzen brauchte damit nicht verbunden zu sein.“ Ein Symbol der Abschreckung – als hätte es dessen noch bedurft.
Die überlebenden Bewohner haben sich ihre eigenen Ursachen-Theorien zurechtgelegt. Zum Beispiel Peter Ehlers, dessen elterliches Einfamilienhaus einen Kilometer vom Stadtzentrum entfernt im südlichen Stadtteil Sanderau stand. Wäre die Geschichte mit Heidingsfeld nicht gewesen – dann wäre Würzburg vielleicht unzerstört geblieben. Weil aber die knapp 20 000-Einwohner-Stadt Heidingsfeld 1930 eingemeindet wurde, schnellte Würzburg über die 100 000-Einwohner-Grenze und wurde Großstadt – und Angriffsziel.
Als die Sirenen heulten, flüchtete der damals zehnjährige Peter Ehlers mit seinen Eltern und seiner Schwester in einen ehemaligen Bierkeller. Eine ummauerte Treppe mitten in einem Biergarten führte in ein modrig-feuchtes Gewölbe. Gestampfter Boden, Backstein-Wände. „Diese Angst, diese furchtbare Angst“, sagte Ehlers. Die Angst, dass eine Bombe genau auf den Keller fällt. „Bei jedem Einschlag die Schreie“, in den Ruhephasen dazwischen „ein permanentes Schluchzen“.
Die Bombe fiel nicht auf den Keller. Doch die Stadt brannte. Ein „Grab am Main“, so hieß es später. Ein Massengrab mit etwa 4500 bis 5000 Menschen, die bei dem Angriff umkamen. Die Zahlen variieren leicht. Die Familie Ehlers hatte überlebt – nicht jedoch die Großmutter Amalie Ehlers, die im Keller ihres Altenheims erstickte. Der Feuersturm, der jeden Sauerstoff in der Altstadt verzehrte, wurde ihr zum Verhängnis. Gemeint ist der Orkan, der durch den Brand der Fachwerkstadt entstand. Glutstücke, die jeden treffen und in Brand setzen konnten, wirbelten durch die Luft. Gotisches und Barockes – verbrannt. 35 Kirchen – zerstört. Etwa 82 Prozent des Wohnraums – weg. Auch das Haus der Familie war nach dem Angriff nur noch eine Ruine, aus der der zehnjährige Peter seinen Märklin-Baukasten retten konnte – es blieb seine einzige materielle Kindheitserinnerung.
Die Geschichte wäre nicht vollständig ohne den äußeren Rahmen. Der zieht sich vom Totalversagen der deutschen Flugabwehr, die das auf Würzburg anfliegende Flugzeuggeschwader für ein Täuschungsmanöver hielt, setzt sich fort mit den fast komplett fehlenden Luftschutzbunkern und reicht bis hin zu der schrecklichen Tatsache, dass die Deutschen die Aufräumarbeiten ausländischen Sklavenarbeitern überließen. Sie mussten die Getöteten auf Lastwagen verladen.
Der damalige Domkaplan Fritz Bauer berichtete in seinen Aufzeichnungen „Würzburg im Feuerofen“ über einen „Haufen menschlicher Glieder, Rümpfe und Köpfe“. Am Friedhof „wurde die Bordwand heruntergeklappt, Hände griffen in das Gliedergestrüpp und zogen, was sie grade zu fassen bekamen, von der Ladefläche“.
Die Leiche der Großmutter schob der Familienvater mit einem Handkarren sechs Kilometer bis zum Familiengrab in Heidingsfeld, wo sie bestattet wurde.
DIRK WALTER
Transparenzhinweis: Eine frühere Version des Artikels erschien 2005.