KOLUMNE

Schön ist anders

von Redaktion

Mein Mann und ich frühstücken gerade auf der Hotelterrasse. Regenwald ringsumher, Vögel turnen über Äste und erzählen lautstark in einer für uns fremden Sprache. Dazwischen liegt das Meer und lädt nicht nur zum Bade, sondern mit seinen Blau- und Grüntönen auch zum Schauen. Das Essen ist köstlich, wenn man viele Gewürze mag und es gern „a little bit spicy“ hat, was immer einen erheblichen Grad an Schärfe bedeutet.

Es gibt mit allen Sinnen viel zu genießen, auch weil man mit dem liebsten Menschen unterwegs ist. Am Nachbartisch lässt sich eine Familie mit ihren zwei erwachsenen Kindern nieder. Mutter und Sohn holen sich etwas vom Buffet und plaudern angeregt. Die Tochter ist ausschließlich damit beschäftigt, Bilder von sich zu machen. Sie zieht einen Schmollmund, lässt die Zunge über die Lippen kreisen und reißt die Augen auf.

Ich sehe zu, wie die junge Dame ein Porträt nach dem anderen von sich knipst. Ihr Handy hat offenbar eine App, mit der sie Selfies bearbeiten kann. In einer nie gesehenen Geschwindigkeit fährt sie mit dem Finger über alle Unregelmäßigkeiten ihres Gesichts und lässt sie gekonnt verschwinden. Die Augen werden groß und größer, dunkler, die Lippen voller, röter. Das entstehende Schlauchboot könnte man auf dem Meer gut gebrauchen.

Am Ende sehen die Fotos der Porträtierten nicht mehr ähnlich. Es ist ein anderes Wesen, dessen Ansicht jetzt per Klicks in die Welt versandt wird. Ein Traum, eine Sehnsucht, völlig anders zu sein? Eine tiefe Unzufriedenheit mit sich selbst, der Wunsch, irgendwelchen vorgegebenen Schönheitsidealen zu entsprechen? Wenn jemand die junge Frau aufgrund der Fotos kennenlernen möchte, wird er sie nicht erkennen.

Ich sehe sie während unseres Aufenthaltes öfter. Immer arbeitet sie an sich, aber offenbar nicht innerlich. Nur mit dem Handy an den eigenen Darstellungen. Ich bin frustriert. Das darf nicht das Ergebnis eines Generationen dauernden Kampfes um die Gleichberechtigung der Frau sein. Darum, dass sie kein bloßes Objekt der Begierde, sondern eine Persönlichkeit mit eigenem Charisma und individueller Schönheit ist …

Bevor mich mein emanzipatorischer Aufstand ablenkt von den wirklichen Attraktionen um mich herum, schaue ich wieder auf den Ozean. Mein Mann macht ein Foto von mir. Als er es mir zeigt, bin ich geneigt, die junge Dame nach ihrem Bearbeitungsprogramm zu fragen. Habe ich viele Falten! Und warum grinse ich so undamenhaft von einem Ohr zum anderen? Da sagt mein Mann: „Du siehst richtig glücklich, erholt und fidel aus!“ Na dann. Behalte Dein Programm, Mädel. Besser: Lösche es.

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