Sonnenbaden verboten: Anfang April 2020 sind die Stege am Starnberger See aufgrund der Ausgangsbeschränkungen gesperrt. © Ursula Düren/picture alliance
München – Die Pandemie hat das Leben auf den Kopf gestellt. Einige Folgen kann man bis heute spüren. Was hat Corona mit uns gemacht? Unserer Zeitung hat mit der Psychiaterin Julia Lieke vom Kbo-Isar-Amper-Klinikum gesprochen.
Frau Lieke, Corona war für uns alle ein einschneidendes Erlebnis. Warum hat uns das so den Boden unter den Füßen weggezogen?
Die Pandemie war für viele eine wirklich existenzielle Bedrohung. Gleichzeitig war das Virus ganz neu, man wusste nicht, was kommt. Das hat Unsicherheit und Angst erzeugt. Die Bilder aus Italien und China haben das verschärft. Als dann die Politik im Lockdown Maßnahmen ergriffen hat, kam Kontrollverlust hinzu. Wenn man etwas nicht beeinflussen kann, bereitet das massive Angst. Damals wurden viele Grundannahmen erschüttert.
Wie meinen Sie das?
Man hat Grundannahmen, die man nicht hinterfragt. Etwa, dass unser Gesundheitssystem funktioniert oder dass wir in diesem Land Freiheiten haben. Und plötzlich war durch das Virus und den Lockdown alles infrage gestellt. Die Pandemie hat ja jeden Lebensbereich beeinflusst. Durch die politischen Entscheidungen hat sich zudem ein Ungerechtigkeitsgefühl breitgemacht: Menschen hatten das Gefühl, dass die Politik ihr persönliches Schicksal nicht sieht. Einzelne sind bis heute skeptisch bei staatlichen Entscheidungen.
Damals gingen auch Freundschaften in die Brüche. Warum hat Corona so polarisiert?
Wenn man sich bei anderen Themen uneins ist, kann man das unter Freunden oder Kollegen leicht umschiffen und das Thema meiden. Aber dieses Thema war hoch emotional. Das Handeln jedes Einzelnen hatte unmittelbare Folgen auf seine Mitmenschen. Wenn jemand sich etwa vor einem Treffen nicht testen ließ, konnte er schuld sein, dass man sich infiziert und dann Angehörige ansteckt, für die das gefährlich werden konnte.
Auch andere Folgen der Pandemie sind bis heute spürbar…
Zum Glück hat sich nicht bewahrheitet, dass das Leben nie wieder wie vorher wurde. Leute reisen wieder, gehen auf Veranstaltungen. Aber gerade bei Krankheiten sind sie immer noch misstrauisch. Wer in der U-Bahn hustet oder erkältet in die Arbeit kommt, wird skeptisch betrachtet. Obwohl das Händeschütteln vereinzelt wieder vorkommt, hat es sich nicht wieder ganz durchgesetzt. Das Gesundheitsbewusstsein ist gestiegen: Mehr Menschen tragen Masken – auch um andere nicht anzustecken. In unserem Beruf spüren wir auch, dass psychische Leiden zugenommen haben. Es gab einen messbaren Anstieg an Angsterkrankungen und Depressionen. Ich höre oft von Patienten, dass ihre Symptome mit Corona anfingen.
Wie erklären Sie sich das?
Corona war ein bedrohliches, krisenhaftes Ereignis. Speziell in dieser Zeit aber war es schwer, auf normale Strategien zurückzugreifen, um gegen psychische Beschwerden anzugehen. Man konnte sich nicht so leicht ablenken. Und hinzu kam, dass der Zugang zu professioneller psychologischer Hilfe erschwert war.