Mit Eis und anderen süßen Sünden: Max (links) und sein Bruder und Konditormeister Charly Eisenrieder vor der Verkaufstheke in ihrem Cafe Münchner Freiheit. © Marcus Schlaf/ Grafik: MM
München – Fünfzig Pfennig für eine Kugel Eis? Das ist lang her! Heute locken 18 Grad und Sonne satt wieder viele Bayern zum ersten Mal in diesem Jahr in die Eisdielen – doch dort greift die Eisflation weiter um sich. Preise von über zwei Euro, ja teils sogar von 2,70 Euro pro Kugel sind in München und Ausflugsregionen Alltag.
Auch im Cafe Münchner Freiheit kratzt man erstmals an der Zwei-Euro-Marke. „Wir mussten den Preis für die Kugel Eis auf zwei Euro erhöhen“, sagt Max Eisenrieder, der mit seinem Bruder Charly das bekannte Lokal in Schwabing betreibt. „Da schluckt man selbst, ich hab ja als Jugendlicher Eis noch zu ganz anderen Preisen verkauft“, sagt der gelernte Koch. Die Eltern Karl und Lieselotte Eisenrieder hatten 1966 das Haus eröffnet. Heute sind die Zeiten anders. „Personal- und Materialkosten kann man als Gastronom noch selbst steuern, aber Energie- und andere Nebenkosten nicht. Und die gehen seit der Pandemie, ja spätestens seit Beginn des Ukrainekrieges, durch die Decke.“
Bevor der Euro kam, kostete eine Kugel im Cafe Münchner Freiheit 1,20 Mark. Von 2002 bis 2004 70 Cent, danach drei Jahre lang 80 und weitere drei Jahre 90 Cent. Seit 2011 blieb der Preis maximal für zwei Jahre stabil. Im ersten Pandemiejahr gab‘s die Kugel noch für 1,50 Euro. Seit 2021 haben die Eisenrieders den Preis Jahr für Jahr um zehn Cent erhöht.
Neben den Energiekosten seien die wichtigsten Preistreiber Personal und Rohstoffe. „Im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten zahlen wir unseren Angestellten 20 bis 30 Prozent mehr“, sagt Max Eisenrieder. „Personal ist hartumkämpft, Saisonkräfte suchen sich den Betrieb mit den besten Konditionen. Und dabei ist Geld nicht mal mehr alles, kaum einer will mehr sechs Tage die Woche arbeiten.“ Nicht nur Milchprodukte sind deutlich teurer geworden, auch Obst oder Kakao, also Schokolade. „Man kann Eis mit viel oder wenig Aufwand machen“, erklärt Eisenrieder. „Wer wie wir auf Handwerk und natürliche Produkte setzt, legt für Erdbeer-Eis auch wirklich Erdbeeren in Zucker ein, bevor das Mark mit Milch weiterverarbeitet wird.“ Mitarbeiter in der Morgenschicht bringen die Masse zum Frieren, am gleichen Tag wird das Eis verkauft. So schmeckt das Eis maximal cremig, so bilden sich keine Eiskristalle. Nur: Die morgendliche Schicht muss eben auch besetzt sein.
Personalprobleme bekam auch Cristiano Visentin in seiner Eisdiele Cremagelato in Ottobrunn im Kreis München zu spüren. Vergangenes Jahr hatte er an Sonn- und Feiertagen deshalb zehn Prozent mehr für die Kugel Eis verlangt – und dieses Plus als motivierenden Bonus an seine Angestellten ausgezahlt. Das Konzept hat sich bewährt, ein Schild vor der Theke weist Gäste auch heuer wieder auf den Sonderaufschlag hin. Die Kugel Eis kostet nun auch hier zwei Euro, Sorten wie Dubai-Schokolade und Pistazie sogar bis zu 2,80 Euro. Und trotzdem ist die Schlange vor der Eisdiele lang.
„Bei gleichbleibender Qualität kommen uns die Gäste weniger preisempfindlicher vor als früher“, sagt Max Eisenrieder. „Von der Pandemie ist also auch was Positives hängen geblieben: Die Leute lieben es, sich mit einer Kugel Eis quasi in den Kurzurlaub zu beamen.“ Und das Gefühl von La Dolce Vita kostet in Oberbayern eben wie so vieles am meisten. Hier ist die Kugel Eis mit einem Preis von durchschnittlich 2,15 Euro bayernweit am teuersten, während sie laut einer aktuellen Umfrage des Radiosenders Antenne Bayern in Niederbayern mit 1,65 Euro am günstigsten ist. Die Eisflation galoppiert weiter – ja, leck‘ o mio!
CORNELIA SCHRAMM