In Bayerns Klassenzimmern herrscht eigentlich Handyverbot. Allerdings wird das in der Praxis durch viele Ausnahmen und Sonderregeln relativiert. © Anna Tolipova/pa
Dachau/Unterschleißheim – Hessen und Baden-Württemberg wollen ein Handyverbot an Schulen durchsetzen. Klingt einfach – ist es aber nicht, wie ein Blick in bayerische Schulen zeigt. Im Freistaat gibt es das Handyverbot – in der Praxis allerdings wird dieses von etlichen Sonderregeln und einer Differenzierung nach Jahrgängen und Schulart relativiert.
Grundsätzlich ist in Bayern die private Handynutzung an Schulen untersagt. Auch in der Pause ist es nicht erlaubt. Kinder sollen in der Pause spielen und reden, nicht aufs Handy schauen, sagt Kultusministerin Anna Stolz (FW) dazu. Doch können weiterführende und berufliche Schulen eigene Regeln verfassen – und das tun sie auch, denn gibt sich eine Schule keine schuleigene Nutzungsordnung, gilt das Handyverbot ausnahmslos. Anruf bei Stefan Düll, er ist Schulleiter am Justus-von-Liebig-Gymnasium Neusäß (Kreis Augsburg) und zudem Präsident des Deutschen Lehrerverbands. An seiner Schule sei ein Regelwerk nach Beratung mit Schülern und Eltern erlassen worden, sagt er. Zum Handyverbot gebe es zahlreiche Ausnahmen: Mittags, also in der Pause zwischen Vormittags- und Nachmittagsunterricht, dürfen die Schüler das Handy anschalten. Zudem gibt es eine „Phone Zone“ für Schüler, die zwischendurch zum Beispiel ihren Termin beim Kieferorthopäden verschieben müssen – vor dem Sekretariat ist diese Handyerlaubniszone mit schwarz-gelbem Klebeband markiert. Düll muss lachen. „Die ist so klein, da passt nur ein Tischchen mit zwei Stühlen hin.“
Noch mal eigene Regeln gibt es für die Oberstufe, also die Jahrgänge 11 bis 13. Die dürfen ihr Handy auch in der Bibliothek benutzen. Anders als etwa der Augsburger Bildungsforscher Klaus Zierer, der den „Digitalisierungswahn“ geißelt und die inflationäre Smartphone-Nutzung auch als einen Grund für nachlassende Bildungsleistungen ansieht, hat Düll eine grundsätzlich positive Einstellung. Das Smartphone sei nun mal Informationsquelle Nummer 1, sagt er. Schon fast jeder Grundschüler habe eins. Bei einer Umfrage unter seinen Fünftklässlern hat er kürzlich festgestellt, dass „nur zwei oder drei“ kein Smartphone hätten und nur ein Zehntel nicht auf WhatsApp seien – dabei ist es laut Nutzungsbedingungen erst ab 16 erlaubt.
Strenger als am Gymnasium ist es an der Grundschule. „Alle Schüler müssen ihr Handy auf Flugmodus stellen“, sagt Andrea Noha, Rektorin der Grundschule Dachau-Ost. Auf ein generelles Einsammeln vor dem Unterricht wie es an anderen Grundschulen durchaus üblich ist, wird in Dachau verzichtet – im Vertrauen darauf, dass sich alle daran halten. Wenn nicht, dann wird das Smartphone eingesammelt. Das Gerät gibt es dann erst nach dem Unterricht zurück.
Ähnlich handhabt es Richard Scheglmann, Rektor der Mittelschule Unterschleißheim (Kreis München). „Wir nehmen in der Woche so etwa fünf Handys ab“, sagt er. Ein Smartphone gleich für mehrere Tage zu konfiszieren, hält Lehrerverbands-Chef Düll für rechtlich nicht erlaubt. „Dafür fehlt die Rechtsgrundlage.“ Überdies ist auf dem Smartphone oft auch die Fahrkarte für Schulbus oder Zug gespeichert. Auch bei Rektor Scheglmann gibt es Ausnahmen vom Handyverbot, etwa wenn Lehrer es für eine Gruppenarbeit erlauben. Das ist ausdrücklich erlaubt – „es entscheidet ausschließlich die Lehrkraft, wann und zu welchen Zwecken digitale Medien für den Unterricht genutzt werden“, betont das Ministerium.
Kultusministerin Anna Stolz sieht keinen Anlass, die bayerischen Regeln zu ändern – im Gegenteil sieht sie Bayern als bundesweites Vorbild: „Das, was in anderen Ländern aktuell als Meilenstein oder Maßstab überlegt wird, gibt es bei uns bereits. Wir reden nicht, wir haben bereits gehandelt.“
So viel Wirbel um das Handy an der Schule hält Düll ohnehin nicht für gerechtfertigt. Er ist da ganz auf einer Linie mit anderen Verbänden, etwa der GEW, die das Thema für etwas künstlich hält. „Ich war bislang in keiner Schule, die bei dem Thema noch keine klaren Regeln formuliert hätte“, sagt die GEW-Bundesvorsitzende Monika Stein der dpa. Düll sagt, die Eltern seien ja nicht besser als ihre Kinder. „Schauen Sie mal auf einen Spielplatz: Eltern schauen nicht ihren Kindern beim Spielen zu, die glotzen auf ihr Handy.“
DIRK WALTER