Erst weiß, später blau: Die Obermadln Regina Graf (links) und Regina Metz (hinten) beim Maibaum-Malern.
Ihren Oberburschen Jakob Metz haben die Madln fest im Griff. © Sabine Hermsdorf-Hiss (2)
Hohenschäftlarn – Der Spiegel entscheidet über Freud oder Leid, über Haben oder Nicht-Haben in der Vereinskasse. Wenn die Maibaum-Wächter in Hohenschäftlarn im Kreis München Schicht haben, lassen sie ihr Prachtstangerl nie aus den Augen. Selbst dann nicht, wenn sie sich in der Wachhütte aufwärmen. „Der Spiegel hängt über dem Maibaum, damit wir ihn selbst von der Eckbank aus im Blick haben“, sagt Obermadl Regina Metz (28). Gemeinsam mit Obermadl Regina Graf (25) steht sie neben dem aktuell wertvollsten Gut im Dorf. Seinen weißen Anstrich hat der 33-Meter-Baum schon, jetzt wartet er auf den blauen. Am 27. April wird er aufgestellt.
In ganz Bayern sind die Maibaumwächter jetzt auf der Zielgeraden. Schon seit einigen Jahren nimmt der Trend Fahrt auf, die nervigen, aber notwendigen Wachdienste mit der ein oder anderen Party zu verbinden. Wer wollte, konnte auch heuer wieder jedes Wochenende woanders mit Maibaumwächtern feiern. In Hohenschäftlarn werden diese Motto-Wachen im großen Stil zelebriert – und die kommende Samstagnacht steht wieder ganz im Zeichen der Madl-Wache. Dann sind 33 junge Frauen zwischen 16 und 30 für Baum und 400 Partygäste verantwortlich. Ihr Motto „Ciao Bella“ verspricht Italo-Hits, Pizza, Aperol und Espresso-Martini. „Wer schlafen will, muss das auf dem Maibaum tun“, sagt Graf.
Würde der Maibaum geklaut, also über die Ortsgrenze verzogen, wäre das echt teuer. Dann müsste man ihn mit Bier und Brotzeit bei den Dieben auslösen. Da wird knallhart verhandelt. Hohenschäftlarn hat so einen schwarzen Tag schon mal erlebt – und obwohl damals weder die Mitglieder des Burschenvereins noch ihre 33 fleißigen Hilfswächterinnen schon geboren waren, sitzt das Trauma tief. „1985 hat uns Baierbrunn beklaut“, erzählt Metz mit gedämpfter Stimme. „Wir wissen, dass auch heuer überall Spione unterwegs sind. Wir selbst spionieren ja auch.“
Vor 20, 25 Jahren wär der Maibaum erneut fast weggekommen – doch die Diebe aus Ebenhausen, ebenfalls Teil der Gemeinde Schäftlarn, haben es nicht geschafft, ihn über die Gemarkung zu ziehen. Ertappt man Diebe, sind die Regeln klar: „Da legt man die Hand auf den Baum und ruft: Da Bam bleibt do!“, sagt Graf. Mancherorts mutiert das Maibaum-Lager inzwischen zur Hochsicherheitsburg – mit Kameras, Bewegungssensoren und Alarmanlagen. „Wir setzen weiter auf die gute alte Schule, ohne neumodische Technik“, sagt Metz. Auf Männer- und Frauenpower. Und den Spiegel.
Alle fünf Jahre bekommt Hohenschäftlarn einen neuen Maibaum. Davor steht das Dorf jedes Jahr fast fünf Monate Kopf. Schon 2024 startete die Suche nach dem geeigneten Baum. „Am 27. Dezember haben wir ihn umgeschnitten“, sagt Oberbursch Jakob Metz. Zu Fasching wurde er eingeholt und zuvor das Lager vor der Wachhütte aufgebaut. „Seitdem passen jede Nacht vier Wachen auf.“ Und die anderen zwölf Stunden am Tag? Tja, da ist das ganze Dorf in Habacht-Stellung. Der Baum liegt am Rand eines Wohngebietes, gegenüber vom Sportplatz. Am 8. März startete mit der ersten von drei Madl-Wachen auch die diesjährige Saison der Wach-Partys, auf denen das ganze Dorf feiert. Auch Schützen, Trachtler, Muttis und Vatis laden mal zur Ehrenwachen ein.
Dass ihr Maibaum schon am 27. April steht, heißt nur, dass die Hohenschäftlarner sakrisch-narrisch auf diesen Brauch sind. Sie feiern seit Monaten – und von 30. April bis 3. Mai mit Festzelt. „Da ist das ganze Dorf auf den Beinen“, sagen Jakob Metz und Regina Metz, sie sind Cousin und Cousine. Höhepunkt ist dennoch der 1. Mai. Seit 8. Januar trainieren die Maibaum-Wächter schließlich schon für den Tanz am Maibaum, der eine Bauernhochzeit nachstellt. Von den 33 Paaren wissen nur die Hochzeiter, Brauteltern und Kranzler, dass sie gemeinsam auftreten. Der Rest lost. Aber weil alle schon nächtelang neben dem Maibaum gefeiert haben, meistern sie auch diesen letzten Tanz.
CORNELIA SCHRAMM