Jerusalem-Panorama in Gefahr

von Redaktion

Sinkende Besucherzahlen und Sanierungskosten bedrohen Museum in Altötting

Hubert Schlederer zeigt die Wasserflecken unterm Dach.

Der zwölfeckige Bau des Jerusalem-Panoramas in Altötting – erstmals eröffnet im Jahr 1903.

Vertreter des Stiftungsvorstands vor der Kreuzigungsszene des Jerusalem-Panoramas in Altötting: Hubert Schlederer und Christian Randl (rechts). © Oliver Bodmer (3)

Altötting – Diffuses Licht empfängt den Besucher, wenn er die Holztreppe zur Plattform hochstapft. Sobald er den Innenraum des Rundbaus erklommen hat, findet er sich im biblischen Jerusalem zur Zeit der Kreuzigung Jesu wieder. Das „Panorama Kreuzigung Christi“ liegt versteckt im Marienwallfahrtsort Altötting – ein zwölfeckiger Bau mit einem von weltweit zwei erhaltenen Rundbildern, das die Kreuzigung Christi zeigt. Das andere Panorama ist in Sainte-Anne-de-Beaupré bei Québec in Kanada.

Zwölf Meter hoch und 95 Meter lang ist die ölbemalte Leinwand, die an zwei Metallreifen aufgehängt ist. Das 1200 Quadratmeter große Tuch, auf das der Historienmaler Gebhard Fugel (1863–1939) in den Jahren 1902/03 sein monumentales Werk gezaubert hat, wird bis heute mit alten Ziegelstein-Paketen am unteren Ende auf Spannung gehalten. In Zeiten, in denen man sich mit Virtual-Reality-Brillen in künstliche Welten beamen kann, ist das ein Kontrastprogramm der besonderen Art. Das Gemälde und die davor gestalteten Kulissen mit gemauerten Stufen und Felsen vermitteln eine Atmosphäre, als befände man sich im alten Israel.

Das Panorama steht unter Denkmalschutz

Der Blick des Betrachters wandert, begleitet durch eine sonore Stimme vom Band, vom Tempelberg über den Garten Gethsemane bis zur Kreuzigungsstätte Golgatha. Immer wieder bleibt das Auge an Szenen hängen: Petrus am Felsengrab hockend, die Soldaten, die um das Gewand Jesu würfeln. Für fünf Euro (Erwachsene) und drei Euro für Kinder ab sieben Jahre (Familie zehn Euro) kann man eintauchen in die Anfänge des Christentums.

Doch das monumentale Werk, das unter dem Denkmalschutz der Unesco steht (geöffnet täglich zwischen 10 und 17 Uhr bis 31. Oktober/im November an Wochenenden von 12 bis 15 Uhr), ist 120 Jahre nach seiner Entstehung ernsthaft bedroht. „Fünf Jahre kann die Stiftung noch die Defizite aus eigenen Mitteln ausgleichen“, warnt Hubert Schlederer, Vorstandsvorsitzender der Stiftung. Der 81-jährige Rechtsanwalt ist von Kindesbeinen an mit dem Panorama verbunden. „Das war eine feste Karfreitags-Tradition: Wir sind immer mit den Eltern ins Panorama gegangen“, erinnert er sich. Dieses Ritual hat er auch mit seinen fünf Kindern fortgesetzt. Wenn er hoch an der Decke die großen Wasserflecken oberhalb der Leinwand sieht, befürchtet er Schlimmes. Dass beim nächsten Unwetter Wasser durch das alte Zinkdach dringen könnte., dass die Dichtungen der Dachfenster porös werden. „Auch die Aufhängung des Tuchs muss in absehbarer Zeit saniert werden.“ Noch dazu muss das Gemälde restauriert werden. Vorstandskollege Christian Randl spricht von Kosten im sechsstelligen Bereich, die in den nächsten zehn Jahren aufgebracht werden müssten. „Damit wir einen Zustand erhalten können, wie man es für ein Gemälde erwartet, das unter Unesco-Schutz steht.“

Dass man seit 30 Jahren auch in die Kulisse hinabsteigen kann, ist besonders reizvoll. Ein Gang über einen Holzweg erlaubt Blicke auf die Aufbauten, den Ofen, an dem sich die Künstler ihre Hände aufwärmen konnten. Erhalten ist auch die Werkbank mit Pinseln, Tellern und Bierflaschen, die so ausschaut, als sei sie gerade von den Handwerkern verlassen worden.

Sorge bereiten den Betreibern auch die Besucherzahlen. Längst kommen nicht mehr eine Million Pilger in den Marienwallfahrtsort wie zu den Hochzeiten. Und auch nicht mehr die 25 000 Besucher ins Panorama, die früher den Fortbestand gesichert hatten. 10 000 Besucher weniger bedeuten 40 000 Euro weniger Einnahmen. „Die laufenden Kosten können wir daraus nicht mehr bezahlen“, so Randl.

Die Stiftung hofft auf Unterstützung der Altöttinger. An alle Haushalte werden Spendenaufrufe verteilt. Um mehr Besucher ins Panorama zu locken, soll auch die Beschilderung überdacht werden. Die schmalen, weißen Hinweisschilder mit dem schlichten Aufdruck Panorama könnten in die Irre führen, befürchtet Randl: „Da könnte man meinen, dass es dort zu einem Hügel mit einem Panoramablick auf Altötting geht.“

Jemand, der genau weiß, wo das Jerusalem-Panorama zu finden ist, ist Gerhard Polt. Als Kind ist der Kabarettist mit seiner Mutter kurz vor Kriegsende von München nach Altötting gezogen. Mit seinem Spezl Manfred hat der Lausbub Hühner ins Panorama gescheucht. „Den Viechern hat es richtig getaugt“, schreibt Polt in seinem Buch „Hundskrüppl“. Weniger begeistert waren die Besucher. Dabei, so meinte Polt, hätten sie sich doch über ein Wunder freuen können. Ein Wunder, das bräuchte das Panorama in Altötting jetzt auch dringend.
CLAUDIA MÖLLERS

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