NATALIAS NEUANFANG

Raketenangriffe und mutige Helfer

von Redaktion

Natalia und Jonah in München.

Natalia Aleksieieva ist im März 2022 aus Odessa nach München geflüchtet. Sie hat hier eine Wohnung und einen Job gefunden. In ihrer Kolumne berichtet die 30-Jährige über ihr neues Leben in Bayern und über die Nachrichten aus ihrer ukrainischen Heimat. Ihre Texte schreibt sie auf Deutsch.

Je länger ich in Deutschland lebe, desto stärker spüre ich den Kontrast zum Leben in der Ukraine. Am Palmsonntag griff Russland mit einer Rakete das Zentrum der Stadt Sumy an. Über 30 Menschen wurden getötet, auch Kinder. Ich las diese Nachricht, während ich in einem Café in Garching saß und durch das Fenster auf die Menschen blickte, die mit festlichen Palmkätzchen-Sträußchen vorbeigingen. Die ukrainischen Palmkätzchen waren an diesem Tag mit Blut getränkt. Meine Eltern erzählen, dass es mittlerweile weniger Luftalarme gibt – aber sie wirken gezielter. Drohnen und Raketen werden konzentriert auf bestimmte Regionen abgeschossen. Mein Cousin, der nun schon im zweiten Jahr an der Front kämpft, sitzt zurzeit in einem tiefen Schützengraben am Flussufer in der Nähe von Cherson. Über dem Fluss kreisen ständig unsere Aufklärungsdrohnen. Seine Aufgabe ist es, Boote unter Beschuss zu nehmen, wenn sie versuchen, den Fluss in seine Richtung zu überqueren.

Ich selbst war seit drei Jahren nicht mehr in meiner Heimat und plane auch keine Reise dorthin, solange der Krieg andauert – um mein Leben nicht unnötig zu gefährden. Schon der bloße Gedanke an eine Reise in die Ukraine löst in mir ein Gefühl der Angst aus. Es fühlt sich für mich so an, als ob es ein riesiger Zufall wäre, in so einem großartigen Land wie Deutschland leben zu dürfen und mir das genommen würde, wenn ich es nicht ausreichend wertschätze. Und doch gibt es Menschen, die weder in der Ukraine geboren wurden noch Verwandte dort haben und trotzdem regelmäßig dahin reisen – um zu helfen. Jonah Werner, ein 26-Jähriger aus Rosenheim, holte mich 2022 an der Grenze ab und half mir, sicher nach Deutschland zu kommen. Er studiert Jura an der LMU München, arbeitet nebenbei im Landtag und engagiert sich in Ehrenämtern. Er fährt regelmäßig in die Ukraine, um dort humanitäre Hilfe zu leisten. Im März verbrachte er fünf Tage dort, brachte Hilfsgüter und einen gespendeten Kleintransporter und fuhr ganz weit ins Landesinnere. Ich fragte ihn, welchen Eindruck die zerstörten Städte auf ihn gemacht haben. „Es ist für mich unbegreiflich und in keiner Weise zu rechtfertigen, wie Menschen anderen Menschen solches Leid zufügen können“, sagte er. „Ich stand in den Trümmern einer völlig zerstörten Grundschule, eines Wohnhauses und einer Kindersportschule. Ich habe mehrere Sportstätten besucht, die bombardiert wurden. Gerade bei solchen Orten wird das Unverständnis noch größer – besonders wenn man bedenkt, dass Kinder, die am wenigsten für diesen Krieg können, all das miterleben und erleiden müssen. Das bricht mir das Herz.” Während ich als Ukrainerin seit drei Jahren nicht in meine Heimat reise, war Jonah bereits zwölf Mal da. Er sagte zu mir: „Ich lebe nach dem Motto: Wenn jeder ein bisschen nach links und rechts schauen und anderen helfen würde, wäre allen geholfen.“

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