Wie Tobias seine Schulangst besiegte

von Redaktion

Ziemlich gute Freunde: Noch immer trinkt Tobias gerne Kaffee mit Hausmeister Stefan Ressler. © Leonie Asendorpf

Fürstenfeldbruck – Ein Jahr lang konnte Tobias (Name geändert) seine Schule nicht mehr betreten. Der heute 17-Jährige aus Fürstenfeldbruck litt unter Schulangst. Woher sie kam, kann er nicht erklären. Es fing schleichend an. „Etwa drei Monate konnte ich abends nicht einschlafen. Dann kamen die Sommerferien, und danach ging gar nichts mehr“, sagt er.

Das war vor vier Jahren. Seine Pflegemutter Tanja Überall erinnert sich gut an die schwierige Zeit. „Zuerst ist er noch aufgestanden, und wir haben es geschafft, dass er ins Auto gestiegen ist.“ Aber vor der Schule ging nichts mehr. Irgendwann hat sie ihn nicht mal mehr hingebracht. Die Belastung wurde für alle Beteiligten zu groß. Sie habe es mal sanfter, mal weniger sanft probiert, erzählt Überall, die Diplom-Pädagogin ist. Es gab viele Tränen. „Das Kind möchte dazugehören und ist genauso verzweifelt wie man selbst.“ Von den Großeltern kamen gut gemeinte Ratschläge. Den Geschwistern musste Tanja Überall erklären, warum sie in die Schule müssen, ihr Bruder aber nicht. Vormittags half Tobias im Haushalt. „Nachmittags habe ich mich mit Freunden getroffen, die von meinem Problem nichts wussten, denn sie gehen in eine andere Schule“, erzählt er. Auch er empfand die Zeit als anstrengend: „Eigentlich wollte ich ja in die Schule und etwas lernen.“

Schulangst ist ein Thema, das viele Familien in Deutschland kennen. „Es ist im psychiatrischen Sinne aber keine Diagnose, sondern ein Sammelbegriff für unterschiedliche Formen von Ängsten“, sagt Heinrich Ricking, der an der Universität Leipzig zu Schulabsentismus forscht. Die Ursachen seien oft in der Schule selbst zu finden, etwa Leistungsdruck, Angst vor dem Versagen oder Mobbing. Aber auch familiäre Gründe können bei angstbedingter Schulmeidung eine Rolle spielen. So kann Trennungsangst unter anderem dazu führen, dass Kinder morgens nicht das Haus verlassen wollen, weil sie sich nicht von der Bezugsperson, etwa der Mutter, trennen können. Schulangst könne mitunter auch einhergehen mit einer Depression, die den Antrieb der Betroffenen beeinträchtige. In solchen Fällen schaffen es die Jugendlichen morgens nicht, aus dem Bett zu kommen und zur Schule zu gehen. Laut Statistik haben etwa drei bis fünf Prozent der Schüler ab der fünften Klasse mit Schulangst zu kämpfen. Die Folgen können gravierend sein: Leistungsabfall, kein Schulabschluss, schlechte berufliche Perspektiven, soziale und psychische Probleme. Aus einem schulischen Problem könne ein Lebensproblem werden, sagt Ricking. Zwar sei die Aufmerksamkeit für das Thema gewachsen, zugleich werde aber auch oft bagatellisiert.

Warum Tobias die Angst entwickelt hat, konnte nicht geklärt werden. Tanja Überall hat eine Selbsthilfegruppe gegründet, um ihre Erfahrungen zu teilen. „Der Austausch für uns Eltern ist extrem wichtig, da man ansonsten komplett alleingelassen wird.“ Tobias vermutet, dass die Angst etwas mit seiner Vergangenheit als Pflegekind zu tun haben könnte. „Als ich ein halbes Jahr alt war, wurde ich von meiner Familie getrennt und kam in eine neue.“ In vielen Fällen sei eine Traumatherapie hilfreich, sagt die Mutter, weil die das Kind erst einmal stabilisiere. „Kinder mit Schulangst sind unter einem enormen Stress, es hat in dieser Situation die höchste Priorität, diese Kinder zu stabilisieren.“

Für Tobias fand sich am Ende eine ganz unkonventionelle Lösung: „Von einem Lehrer kam der Vorschlag, mein Sohn solle doch einfach beim Hausmeister mitarbeiten“, erzählt Tanja Überall. „So haben wir ihn überhaupt erst wieder ins Schulhaus hineingebracht.“ Tobias war erst skeptisch. „Aber ich wollte ja wieder in die Schule.“ Also hat er es versucht. Etwa ein halbes Jahr lang standen für ihn statt Deutsch und Mathematik praktische Dinge auf dem Tagesplan. „Ich habe Laub gerecht, Rasen gemäht, Hecken geschnitten. Drinnen haben wir Sicherungen geprüft, Probe-Feueralarm gemacht, Lichter ausgetauscht, Löcher in den Wänden zugespachtelt oder auch die Werkstatt aufgeräumt“, erzählt Tobias. Die Arbeit habe ihm sehr geholfen. „Für mich war er ein großer Gewinn. Tobias ist handwerklich sehr begabt und scheut sich nicht vor der Arbeit“, sagt Hausmeister Stefan Ressler.

Tobias wiederum fand in dem Hausmeister eine Vertrauensperson. Ressler versuchte, ihn zu motivieren, wieder in den Unterricht zu gehen. Und nach und nach gelang das. Nach zwei Jahren hatte Tobias wieder in den Schulalltag gefunden. Bald möchte er seinen Abschluss machen und eine Ausbildung zum Landwirt beginnen. Gelegentlich hilft er dem Hausmeister noch. Und manchmal, wenn ihm alles zu viel wird in der Schule, trinkt er mit ihm einen Kaffee. Wenn er gerade keinen Unterricht hat.

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