Eine Spende für die Wissenschaft: Tamara Hafner in der Körperwelten-Ausstellung in München. © Marcus Schlaf
Pullach – Ihren Tod kann Tamara Hafner nicht planen. Aber wie es danach für ihren Körper weitergehen wird, weiß die 68-Jährige aus Pullach im Kreis München schon sehr lange. Vor 25 Jahren hat sie ihre Unterschrift unter eine Einwilligungserklärung gesetzt – und ihren Körper damit der Wissenschaft vermacht. Neulich stand sie in der Körperwelten-Ausstellung, die gerade in München zu sehen ist. Und hat kurz darüber nachgedacht, dass eines Tages andere Menschen vor ihrem Herz oder ihrer Lunge stehen könnten. Das ist eine Vorstellung, die sie kein bisschen erschreckend findet – sondern sogar schön. „Es würde mich freuen, wenn mein Körper nach meinem Tod der Wissenschaft helfen kann“, sagt sie.
Über 20 000 Menschen in Deutschland haben wie Tamara Hafner eine Einwilligungserklärung des Heidelberger Instituts für Plastination unterschrieben und ihren Körper damit nach dem Tod der Wissenschaft geschenkt. Minderjährige brauchen dafür eine schriftliche Zustimmung der Erziehungsberechtigten. Außerdem muss der Körper weitgehend intakt sein, um in der Ausstellung zu landen. Ein gewaltsam herbeigeführter Tod oder eine Obduktion sind Ausschlusskriterien. Wer seinen Körper spendet, verzichtet damit auf eine Bestattung.
Dieser Gedanke war für Tamara Hafner kein Hemmnis – im Gegenteil. Die Vorstellung, dass ihr Körper nach ihrem Tod vergraben wird, fand sie schon immer gruselig. „Ich weiß nicht, woher sie kommt, aber ich habe schon immer eine Angst gehabt, lebendig vergraben zu werden“, sagt sie. Für sie war es nie wichtig, einen Grabstein besuchen zu können, um sich einem geliebten verstorbenen Menschen nahe zu fühlen. „Ein Grab ist immer mit Tod verbunden.“ Sie hat lieber schöne Momente im Kopf, wenn sie sich an jemanden erinnert. Für ihren eigenen Abschied wünscht sie sich einfach nur eine schöne Trauerfeier. Ihr Körper wird dann aber bereits im Institut für Plastination sein.
Ihre Familie akzeptiert ihren Wunsch, nicht beerdigt zu werden. Ihre Mutter, ihr Mann und ihre Geschwister waren nicht überrascht, als sie damals ankündigte, ihren Körper irgendwann zu spenden. „Alle haben gesagt, dass es meine Entscheidung ist.“ Ihr Mann hat sie sogar ins Plastinarium begleitet, in das alle Körperspender eingeladen werden. Dort können Besucher den Mitarbeitern bei der anatomischen Präparation und Plastination über die Schulter schauen. Als Tamara Hafner die Wendeltreppe in den ersten Stock hinaufstieg und nach unten blickte, sagte sie zu ihrem Mann: „Wenn ich jetzt runterstürzen würde, könnte mein Körper gleich hier bleiben.“ Er hat sich an ihren offenen und schonungslosen Umgang mit dem Tod längst gewöhnt.
„Ich habe keine Angst vor dem Tod“, sagt Hafner. „Höchstens Angst vor einem Sterben, das mit viel Leiden verbunden ist.“ Sie hofft darauf, dass ihr das erspart bleibt. Und dass ihr Körper dann noch in einem so guten Zustand wie jetzt sein wird und verwendet werden kann. Die 68-Jährige ist auch Organspenderin – beides ist möglich. Eine Organspende hätte immer Vorrang, würde aber nicht ausschließen, dass Teile ihres Körpers auch für die Ausstellung verwendet werden können. Beim Ausfüllen der Einwilligungserklärung können Spender angeben, wenn sie besondere Wünsche haben, was von ihrem Körper gezeigt werden soll. Oder wie er zu sehen sein wird. Zum Beispiel als Sportler. Hafner hat dieses Feld damals freigelassen, ihr ist das nicht wichtig. Aber sie erinnert sich noch gut an das Gefühl, als sie die Unterlagen mit der Post verschickte. „Es war schön zu spüren, dass ich etwas getan habe, bei dem ich voll dahinter stehe.“ Natürlich könnte sie diese Entscheidung auch jederzeit widerrufen – aber das ist für sie keine Option.
Als sie vor ein paar Tagen mit ihrem Mann durch die Körperwelten-Ausstellung spazierte und mal wieder hemmungslos über das Wunder Mensch staunte, ging sie danach mit einem positiven Gefühl nach Hause, erzählt sie. „Es ist schön, dass ich irgendwann Teil davon sein werde.“