Eine Madonna und ihre Doppelgängerin

von Redaktion

Gläubige pilgern zu der Figur nach Altötting

Der Stadtpfarrer Klaus Metzl berührt die Schwarze Madonna nur sehr vorsichtig. © dpa

Altötting – Zehntausende Gläubige pilgern alljährlich zur berühmten Schwarzen Madonna nach Altötting. Kaum bekannt ist: Die rund 700 Jahre alte Gottesmutter hat eine Doppelgängerin. Ein Splitter der Original-Madonna, sorgsam eingearbeitet in ihrem Rücken, macht sie zum Gnadenbild-Double. Die Doppelgängerin ist mit rund 100 Jahren deutlich jünger. Die bischöfliche Administration beauftragte seinerzeit den Bildhauer Josef Neustifter, eine Zweit-Madonna zu schnitzen und den etwa drei bis vier Zentimeter langen Span von hinten in die Figur einzuarbeiten, wie der Altöttinger Stadtpfarrer Klaus Metzl berichtete.

Zu dem Anlass kursieren verschiedene Versionen. Metzl zufolge war es der Splitter, der sich von der Madonna gelöst hatte – und der so eine Bestimmung bekommen sollte. Der Sohn des Bildhauers, Joseph Michael Neustifter, sagte über den Auftrag an seinen Vater: „Der Zweck der Kopie war der Schutz des Originals während der Zeit des Nationalsozialismus.“ Schon 1919 war die Schwarze Madonna zu ihrem Schutz zeitweilig in Passau untergebracht. Laut Neustifter war der Auftrag zur Fertigung des Doubles streng geheim. Des Nachts habe sich sein Vater in der Gnadenkapelle einschließen lassen, um unbemerkt eine detailgenaue Kopie der 66 Zentimeter hohen Statue zu schaffen. Anhand dieses Modells, das heute bei Neustifter im Atelier steht, habe der Vater aus altem Holz die Kopie mit dem Splitter gefertigt.

Schon damals dürfte die echte Madonna vom Alter schwer gezeichnet gewesen sein. Experten mahnten zum sorgsamen Umgang mit der jahrhundertealten Gottesmutter. Über die Jahrhunderte überhäuften Besucher die Gottesmutter mit Kleidern und Geschenken. Ringe, Armbänder und Amulette füllen Vitrinen in der Altöttinger Schatzkammer. Die Doppelgängerin bleibt meist ohne öffentlichen Auftritt auf ihrem Sims im Verwaltungsgebäude. Unter Stadtpfarrer Metzl hat die Stellvertreterin weniger zu tun als unter seinem Vorgänger Prälat Günther Mandl. Zum Gnadenbildkuss am Aschermittwoch hatte Mandl teils das Abbild gewählt – aus Sorge, er könne auf dem Weg zur Kirche mit der fragilen Madonna stürzen. Metzl wählte hingegen auch am Aschermittwoch die echte Madonna. „Die Leute gehen zum Original“, sagt er. „Wer will schon die Kopie? Wir sind ein lebendiger Wallfahrtsort. Kein Museum.“
DPA

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