Bevor es auf die Isar geht, gibt‘s jede Menge Arbeit für Michael Angermeier und die anderen Flößer. © Arndt Pröhl
Voller Vorfreude: Josef Seitner freut sich schon lange auf den Saison-Start. © Sabine Hermsdorf-Hiss
Wolfratshausen – Am Dienstag ist Michael Angermeier die Strecke zwischen der Wolfratshauser Marienbrücke und der Zentrallände in München-Thalkirchen noch mal mit dem Boot abgefahren. Um ein Gefühl für seinen Arbeitsweg zu bekommen und Hindernisse auszukundschaften. „Ich habe gesehen, der Biber ist sehr fleißig“, resümiert er schmunzelnd. Die angeknabberten Bäume stellten für seine tonnenschweren Flöße allerdings kaum eine Behinderung dar. Da ist schon eher die Trockenheit ein Problem. „Sowohl der Walchensee als auch der Sylvensteinspeicher haben momentan zu wenig Wasser“, sagt sein Flößer-Kollege Josef Seitner. „Und geregnet hat es auch viel zu wenig.“ Deshalb vermutet er, dass die 30 Kilometer lange Tour rund zwei Stunden länger dauern wird als üblich. „Nach sechseinhalb Stunden sagt jeder Gast langsam: Jetzt reicht’s mir. Aber dann müssen sie halt mehr Bier trinken.“
Wenn die ersten Touristen um 8 Uhr an der Floßlände Nantwein oder Weidach eintrudeln, ist ein Großteil der Arbeit von Angermeier und Seitner schon getan. Das Wirtschaftsjahr der Isarflößer beginnt im Herbst: Im Oktober und November werden die Fichten geschlagen, bei abnehmender Mondphase. Sie werden im Wald geschält, entastet und dann ins Lager zum Trocknen gebracht. Dort müssen sie regelmäßig gedreht werden, damit sie schön gerade bleiben. Ist der Winter lang, tut das dem Holz besonders gut: „So ein trockenes Holz wie dieses Mal habe ich die letzten 20 Jahre nicht gesehen“, sagt Seitner und freut sich: „Die Flöße schwimmen bestimmt wie die Enten im Wasser!“
Gerade werden die Stämme markiert, die Ruder in Form gehauen und die Ruderblätter geschnitzt. Seitner nennt das „sein Werkzeug vorbereiten“. Kurz vor dem Einsatz lagern die Stämme auf dem sogenannten Ganter an Isar und Loisach und werden dann im Wasser nach alter Handwerkskunst und mit Spezialwerkzeug zusammengebaut. Ein Floß besteht aus 18 Fichtenstämmen, jeder etwa 1,5 Tonnen schwer. Insgesamt wiegt der Koloss etwa 22 Tonnen, er ist eine Saison lang auf der Isar unterwegs. Angermeier ist Kapitän von fünf Flößen, Seitners haben am Wochenende drei Flöße im Einsatz, unter der Woche sind es ein bis zwei. In Thalkirchen werden die Gefährte wieder demontiert, auf einen Laster geladen und zurück nach Wolfratshausen gebracht. Dann beginnt das Spiel von vorne. Am 1. Mai gegen 9 Uhr starten die ersten Fahrten, drei große und vier kleine Floßrutschen stehen den rund 60 Passagieren bevor. Hat Angermeier nach 54 Jahren im Dienst noch Lampenfieber vor der ersten Tour im Jahr? Er winkt ab. „Naa! Da freut man sich, dass es endlich losgeht!“ Für Seitner ist der schönste Moment, wenn das Floß zum ersten Mal in der Strömung losschwimmt: „Durch die Isarauen gleiten, das ist dieses Jahr wirklich wie im Traum“, schwärmt er. Die milden Temperaturen haben die Bäume schon ergrünen lassen, alles leuchte sommerlich.
Angermeier hofft auf eine gute Saison, ideal wären für ihn 250 bis 300 Touren. Und er hofft, dass ihm und den Seitners dieses Jahr das Hochwasser keinen Strich durch die Rechnung macht: „Dann dürfen wir nämlich nicht fahren.“ Brenzlige Situationen gebe es kaum. Josef Seitner wünscht sich „a bissl Regen“, damit die Flöße gut Fahrt aufnehmen können. Er selbst steht seit 60 Jahren am Ruder, und die nächste Generation ist auch schon mit im Boot: Seine Tochter hat die Büroorganisation übernommen. Aber ein paar Burschen zum Aufbau wären schon recht, denn für sein Handwerk braucht es Kraft und Durchhaltevermögen: „Wir sind immer auf der Suche nach jungen Kerlen, die anpacken können.“ Bei den Angermeiers ist der Nachwuchs schon gesichert. Sohn Stefan lenkt seit 2003 die Flöße, und Enkel Simon fährt ebenfalls schon mit. Er ist gerade sieben Jahre alt.
TINA SCHNEIDER-RADING