In einigen Praxen wird die E-Akte schon verwendet. Das erleichtert den Ärzten einige Behandlungsfragen. © dpa
Nürnberg – Für Versicherte soll die elektronische Patientenakte ein lebenslanger Begleiter werden. In dem digitalen Speicher sollen etwa Arztbriefe, Befunde, Laborwerte und verordnete Medikamente gesammelt werden. Zugriff darauf haben Arztpraxen, Kliniken und Apotheken, wenn die Versicherten ihre Krankenkassenkarte dort in die Lesegeräte stecken. Der Zugriff ist in der Regel aber auf 90 Tage beschränkt. Über die Smartphone-App ihrer Krankenkasse können Versicherte die Zugriffsrechte widerrufen oder selbst festlegen, welche Mediziner wie lange Einsicht bekommen sollen. Außerdem können sie auch selbst Dokumente in der E-Akte hochladen, zum Beispiel selbst geführte Blutdruck-Tagebücher oder wichtige Diagnosen aus der Vergangenheit.
Die elektronischen Krankenakten sind bereits seit Mitte Januar angelegt – für gut 74 Millionen gesetzlich Versicherte in Deutschland. Das Zusammenspiel mit Praxen und Kliniken wurde aber bisher nur in drei Regionen getestet. Ab kommenden Dienstag soll die elektronische Patientenakte in ganz Deutschland genutzt werden können. Ab 1. Oktober ist sie in den Arztpraxen und Kliniken verpflichtend. Seit 2021 waren die E-Akten bereits ein Angebot, man musste aber selbst aktiv werden, um eine zu bekommen. Das wurde kaum genutzt. Deshalb hatte die Ampel-Regierung das Prinzip mit einem Gesetz umgekehrt: Nun bekommen alle die E-Akte, außer man widerspricht aktiv.
Der Nürnberger Hausarzt Nicolas Kahl gehört zu den Medizinern, die die elektronische Patientenakte bereits im Alltag testen. Bundesweit sind 300 Praxen, Apotheken und Kliniken in Hamburg, Franken und Teilen Nordrhein-Westfalens als Modellregionen ausgewählt worden. Kahl zieht eine positive Bilanz: „Es funktioniert noch nicht alles, aber es läuft stabil.“ Die Akte sei anfangs leer und werde bei der Behandlung mit Dokumenten befüllt. Er und sein Praxis-Team können PDF-Dateien hochladen – etwa von EKG oder Lungenfunktionstests. Außerdem werden alle E-Rezepte, die er ausstellt, dort gespeichert.
Für Kahl ist die E-Akte eine Erleichterung. Dadurch könne er die Befunde von anderen Ärzten sehen und müsse denen nicht mehr hinterherrennen, erklärt er. Das spare Zeit und verhindere Doppel-Behandlungen. „Es hilft uns, wenn wir einen Patienten nicht gut kennen und er selbst keine Auskunft über seine Medikamente geben kann.“ Dadurch lassen sich beispielsweise gefährliche Wechselwirkungen zwischen Medikamenten verhindern, sagt er. „Perspektivisch wird sich die E-Akte lohnen“, ist Kahl überzeugt. Allerdings werde das noch Monate, wenn nicht Jahre dauern. Denn es kommen nur Befunde und Medikamente in die E-Akten, die nach deren Start gestellt oder verschrieben wurden. Wenn Patienten ältere Diagnosen oder Verordnungen hinterlegen wollen, müssen sie sie selbst hochladen. Jährlich sind maximal zehn Dokumente möglich.
Kahl berichtet aber auch von Skepsis bei seinen Patienten. Einige hätten Angst, dass die Daten in falsche Hände geraten könnten, berichtet der 37-Jährige. „Manche wollen auch nicht, dass ich sehe, dass sie bei einem anderen Arzt waren.“ Für die meisten seiner Patienten sei die E-Akte aber überhaupt kein Thema, sagt er. „Die haben gar nicht auf dem Schirm, dass sie eine haben.“ Insgesamt hätten aber nur wenige seiner Patienten Bedenken geäußert, berichtet er. Bei der AOK haben bundesweit rund vier Prozent der gut 27 Millionen Versicherten der E-Akte widersprochen. Bei der Techniker Krankenkasse sind es sieben Prozent von knapp zwölf Millionen Versicherten.
Kritik kommt von den Kassenärztlichen Vereinigungen in den Modellregionen. Sie halten es noch für zu früh für einen bundesweiten Start. Einige Praxisteams würden technische Probleme und Herausforderungen bei der Integration in die Praxisabläufe melden. Zum Teil könne nicht auf E-Akten zugegriffen werde oder es gebe lange Ladezeiten. Computerspezialisten und Organisationen aus dem Gesundheitswesen warnten vor Sicherheitslücken, wodurch Unbefugte Zugriff auf alle E-Akten bekommen könnten. Der Noch-Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) betonte, es sei gelungen, die Sicherheitsprobleme zu lösen, die der Chaos Computer Club herausgearbeitet hatte.