Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht… So beginnen die „Nachtgedanken“ von Heinrich Heine aus dem Jahr 1843. Dem könnte man sich heutzutage wieder anschließen – und gleich noch eine ganze Reihe anderer Staaten ergänzen. Die USA etwa, die unsereins von Kindesbeinen an bewundert und geliebt hat – für Demokratie, Freiheit und Lebensfreude, für Rock ‘n‘ Roll und Literatur. Eigentlich.
Wenden wir uns einem erfreulichen Ereignis zu. Der demokratische Gouverneur Ed Rendell aus Pennsylvania hat 2003 den 26. April zum National Pretzel Day deklariert. Er wollte die Bedeutung der Brezel für Geschichte und Wirtschaft des Bundesstaates hervorheben. Zur Feier des Tages kann man sogar Zehn-Dollar-Socken kaufen, auf denen die Bilder von Bierkrügen, Würstchen und Brezeln eingewirkt sind.
Der Amerikaner beiderlei Geschlechts isst wie mein schwäbischer Mann zwischen anderthalb Pfund und einem Kilo Brezn im Jahr. Die Pennsylvanier verdrücken das Zwölffache. Von Fachleuten dort wird betont, dass Brezeln mit vielem harmonieren – mit Käse zum Beispiel. Richtig. Falls ich jedoch, wie anempfohlen, Brezn mit Schokolade, Meeresfrüchten und Erdnussbutter kombinieren würde – geriete unsere Ehe vermutlich in eine leichte Krise.
Die Europäische Kommission hat auf bayerischen Druck im Februar 2014 die Bayrische Brezn zu einer geschützten Angabe erhoben. Unter diesen Schutz fallen auch Namen wie Bayerische Brezen oder Brezel und Bayerische Brezn. Unsere amerikanischen Freunde ficht das nicht an. Sie feiern ungeniert ihren National Pretzel Day. Sollen sie. Mir geht es um Brezn. Mit weichem „B“ am Anfang und einem sanften, summenden „tsn“ am Ende.
Die Brezn muss knusprig oder resch sein, wie man in Bayern sagt, und ordentlich mit Salz bestreut. Wenn man draufdrückt, hat es richtig zu krachen. Leider kann man erst nach dem Kauf feststellen, ob die Brezn knuspert. Heutzutage sind sie immer häufiger labbrig, weich, biegsam. Grässlich. Und: Es ist kein Salz drauf oder nur wenig. Das immerhin sieht man und kann nach anderen Brezn verlangen – wenn es sie denn gibt.
„Sie sind die Einzige, die so was will“, tadelte mich neulich wieder eine Verkäuferin. „Salz ist ungesund!“ Falsch. Schon Jesus fand, dass Menschen Salz der Erde sein sollten. Weil sonst alles fad und zum Wegschmeißen ist. Salz regelt Wasserhaushalt und Gewebespannung. Es ist Grundlage für die Reaktionsfähigkeit von Nerven und Muskeln und wird als Mineralstoff für Knochenbau und Verdauung gebraucht. Nur zu viel ist schädlich.
In unserer Nähe hat ein türkischstämmiger Deutscher eine Bäckerei eröffnet. „Vier Brezn“, sage ich, „bitte mit viel Salz.“ Er lächelt. „Ah“, meint er, „jemand, der weiß, wie eine Brezn sein muss.“ Ich lächle auch. Allein dieses „tsn“…