Zeitzeuge: Jakov Kravcinskij, ein Jude aus Minsk, überlebte das Ghetto. © privat
München/Minsk – Ein Klick ins Netz, es dauert einige Sekunden, dann steht die Verbindung von München ins belarussische Minsk: Jakov Kravcinskij erscheint auf dem Bildschirm. Der 91-Jährige mit der Kippa auf dem Kopf sitzt in einem überdimensionalen Ledersessel. Er winkt, dann beginnt das von einem Dolmetscher übersetzte Gespräch mit einem der letzten jüdischen Überlebenden des Ghettos von Minsk.
Es ist ein Gespräch über das Grauen – in Belarus (Weißrussland) war die Zahl der von SS und Polizei 1941 bis 1944 ermordeten Menschen prozentual so hoch wie in keinem anderen Land. Auch Wehrmachtseinheiten mordeten mit, etwa die gefürchtete 707. Infanteriedivision unter ihrem bayerischen Kommandeur Gustav Freiherr von Mauchenheim genannt von Bechtolsheim.
Auf dem Gebiet des heutigen Belarus, damals Teil der Sowjetunion, lebten 1941 circa 9,2 Millionen Einwohner. Drei Jahre später, als die Rote Armee das Gebiet erobert hatte, lebten davon noch weniger als sieben Millionen. Bis zu 700 000 Juden wurden erschossen oder in Gaswagen erstickt, sofern sie nicht schlicht verhungerten. Nur etwa 20 000 Juden überlebten, weil sie zu den Partisanen fliehen konnten – so wie Jakov Kravcinskij.
Als Neunjähriger wurde er mit seiner Mutter im Juli 1941 ins nur zwei Quadratkilometer große Ghetto gepfercht – die deutschen Besatzer hatten nur 1,5 Quadratmeter Wohnraum für jeden Juden festgelegt. Unterkünfte waren rar, da die deutsche Luftwaffe bei ihrem Überfall auf die Sowjetunion Minsk schwer bombardiert hatte. Untergebracht wurde er zunächst in einem ehemaligen Kindergarten, erzählt Kravcinskij. „20 bis 25 Personen“ lebten in einem Raum, Privatspähre gab es kaum. „Jede kleine Krankheit wurde zu einer Epidemie“, sagt der 91-Jährige. Er selbst holte sich die Krätze.
Als dann das sogenannte „Altreich“ „judenfrei“ gemacht wurde und die ersten Deportationszüge mit deutschen Juden in Minsk eintrafen, wurde die Lage unerträglich. Die SS schuf Platz, indem sie weißrussische Juden erschoss oder durch Gas erstickte – darunter auch Kravcinskijs einjährigen Bruder. Das Leben im Ghetto, so schildert es der 91-Jährige, war ein Überlebenskampf. „Im Sommer fing jeder Tag damit an, dass wir nach irgendwelchen Gräsern suchten, zum Beispiel Brennnesseln, um Suppe zu kochen.“ Unter Lebensgefahr robbte er unter dem Stacheldrahtzaun durch, mit dem das Ghetto abgegrenzt war. Ziel war es, etwas einzutauschen oder schlicht zu betteln. Auf die Frage, ob es in all dem Elend auch Normalität, etwa Spielen mit Gleichaltrigen, gegeben habe, sagt Jakoc Kravcinskij: „Dafür hatte man keine Kräfte.“
Das Gespräch via Videocall hört auch Oliver Kempkens mit an. Der Münchner Unternehmensberater hat Kravcinskij 2006 bei einem Aufenthalt für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge kennengelernt. Er findet es wichtig, dass Überlebensberichte wie die des 91-Jährigen bekannter werden. „Nur über konkrete Schicksale wird Geschichte erfahrbar“, sagt Kempkens. Leider seien die Kontakte nach Weißrussland seit dem (von Belarus unterstützten) russischen Überfall auf die Ukraine eingeschlafen. „Ich hoffe, dass die Zeit kommt, wo die Delegationen wiederkommen“, sagt auch der 91-Jährige. Er hat aber kein Verständnis dafür, dass beispielsweise die KZ-Gedenkstätte Dachau russische und belarussische Offizielle von der diesjährigen Gedenkfeier ausgeladen habe. „Eine Schweinerei ist das, ich kann das gar nicht anders sagen.“
Jakov Kravcinskij und seine Mutter hatten Glück, dass ihnen die Flucht zu den Partisanen gelang. In der Dämmerung, so erinnert er sich im Gespräch, hätten sie sich 1943 einer kleinen Gruppe angeschlossen und sich bis zu dem Dorf Staroje Selo etwas außerhalb von Minsk durchgeschlagen, wo sie auf eine Partisanenpatrouille stießen. Die nahm sie mit in das sogenannte Familienlager der Sorin-Partisanen in den weißrussischen Wäldern, wo Jakov seinen Vater wieder traf.
Die Aufgabe des Jungen bei den Partisanen war nicht der Kampf, dafür war er zu klein. Er musste die Pferde füttern, pflegen, zur Tränke führen. Bald zog er mit dem Pferdegespann in nahe Dörfer, um Salz und Mehl einzutauschen – unter Lebensgefahr, denn die Deutschen führten sogenannte „Säuberungsaktionen“ in der von ihnen als „banditenverseucht“ bezeichneten Gegend durch. Auch Sprengstoff, um Eisenbahnschienen in die Luft zu jagen, transportierte er. Und noch eine Aufgabe hatte der junge Partisan: Mit einem Gewehr in der Hand bewachte er das Partisanenlager vor Wölfen. Einmal sei ein Rudel durchs Lager gerannt und habe eine Frau umgestoßen, erzählt er. „Zum Glück waren sie nicht hungrig.“
DIRK WALTER