Szajas Leid darf nie vergessen werden

von Redaktion

Todesmarsch von Flossenbürg: Burgkirchener Schüler erforschen Häftlings-Schicksal

Häftlinge im KZ Flossenbürg: Kurz vor Kriegsende wurden die Überlebenden durch Bayern getrieben. © ARCHIV

Ermordet: Szaja Korngold. © Jewish Library Warschau

Schülerin Delina (16) zeigt ein Häftlingsabzeichen.

Eine Gedenktafel zur Erinnerung haben die Burgkirchner Schüler an der B20 aufgestellt. © A .Stinglwagner (2)

Burgkirchen an der Alz – Langsam wandert eine Gruppe Jugendlicher über hügelige Feldwege, vorbei an von Löwenzahn gesprenkelten Wiesen und grasenden Kühen. Ungewöhnlich still sind sie, die Jungs und Mädchen der Klassen 9P, 8a und 8b der Mittelschule Burgkirchen an der Alz. Sie sind mit ihren Gedanken und Herzen in einer anderen Zeit: an jenem 1. Mai 1945, dem Tag, an dem Häftling P82328 starb. Er ist eines der Opfer der grauenhaften KZ-Todesmärsche am Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Kinder haben sein Schicksal erforscht und heute, zum 80. Jahrestag seiner Ermordung, gehen sie ihm zu Ehren seinen letzten Weg.

Ende April 1945 werden die Nazi-Gräueltaten für die Menschen, die hier im Kreis Altötting leben, direkt vor der Haustür sichtbar: Etwa 200 ausgemergelte Häftlinge aus dem KZ Flossenbürg marschieren an ihren Bauernhöfen vorbei. SS-Posten mit bissigen Schäferhunden treiben sie voran. In gestreifter KZ-Kleidung, barfuß in Holzschuhen, nur mit Decken als Witterungsschutz über dem Kopf, müssen die Häftlinge nachts 30 bis 40 Kilometer weit marschieren, tagsüber übernachten sie in Heustadeln.

Es ist ungefähr 3 Uhr morgens, als ein junger Häftling vor Erschöpfung am Wegrand zusammenbricht. Sofort ist ein SS-Bewacher zur Stelle, zückt die Pistole. Genickschuss.

„Ich habe mir vorgestellt, das bin ich“, sagt heute David (16). Geschunden und erschöpft – vielleicht hätte er es damals auch nicht mehr geschafft weiterzugehen. „Ich wäre auch erschossen worden“, glaubt der Jugendliche. Auch seine Klassenkameradin Delina (16) ist nachdenklich. „Es ist so krass, dass das genau hier passiert ist. Man fühlt Mitleid.“ Was, wenn sie als Einheimische damals den Todesmarsch beobachtet hätte? „Ich hätte helfen wollen“, meint Delina. „Aber ich hätte Angst gehabt, dass ich auch ermordet werde.“

Den Toten von damals mussten Mithäftlinge im Wald verscharren. Die Grabmulde ist heute noch zu sehen. Dort am Wegrand, an der heutigen B20, haben die 16 Jugendlichen der Klasse 9P nun eine selbst gestaltete Gedenktafel aufgestellt. „Das Thema war, wir geben P82328 einen Namen“, erklärt Alois Remmelberger, Burgkirchner Ortsheimatpfleger. Er und Lehrer Stephan Köster haben die Jugendlichen bei der Recherche unterstützt. So fanden sie heraus, wie es weiterging: Zwei Tage nach dem Todesschuss ist der Marsch zu Ende. Als die SS-Leute erfahren, dass die amerikanischen Panzer nahe sind, fliehen sie und tauchen unter. Die Häftlinge verstecken sich bei Bauern, bis sie von amerikanischen Soldaten gerettet werden. Die sind es auch, die am 7. Mai 1945 um 20 Uhr die Leiche in den nahen Friedhof Asten umbetten lassen. Dabei wird seine Tätowierung mit den fünf Zahlen registriert, anhand derer die Alliierten seine Identität feststellen: Es ist ein Jude mit dem klingenden Namen Szaja Korngold, geboren am 5. Juli 1925 in Krakau. Er war erst 19 Jahre alt.

„Mama, es ist traurig hier und fremd… Andere Bäume wachsen und keiner kennt die Stille…“ Dieses polnische Klagelied singt Andreas Bialas von der „Burgkirchner Ortsgruppe für das Erinnern“, ein Landsmann von Szaja, für die Schüler. Er überrascht die Jugendlichen mit einem großen Recherche-Erfolg: In Krakau hat er nachgeforscht und tatsächlich ein Foto von Korngold gefunden, vielleicht 16 war er darauf, genauso alt wie die Jugendlichen heute. „Nun hat der Tote nicht nur einen Namen, sondern auch ein Gesicht.“

1958 hat Szaja Korngold auf dem Ehrenfriedhof Flossenbürg seine letzte Ruhe gefunden. Sein Andenken aber lebt nun auch an seinem Sterbeort weiter. Ein wichtiger Beitrag, dass auch die junge Generation die Schrecken des Nationalsozialismus nicht vergisst. Still wandern die Jugendlichen wieder zurück zur Schule – ein jeder trägt am T-Shirt ein genähtes Abzeichen mit der Aufschrift: P82328.
ANDREA STINGLWAGNER

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