Die neue Gedenkstätte nahe des Dorfes Gröbern.
Das einstige Marterl wurde inzwischen entfernt.
Ein Jahr nach dem Mord wurde der Einödhof Hinterkaifeck abgerissen. Inzwischen ist hier eine Ackerfläche. © Archiv/Leuschner
„Der Fall wird nie geklärt“: Autor Peter Leuschner beteiligt sich nicht an Spekulationen.
Roh behauener Stein: Inschrift auf einer der Stelen, die nun an die Morde erinnern. © dw (4)
Gröbern – Vom Ortsrand des Dorfes Gröbern im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen führt ein staubiger Feldweg etwa 500 Meter weit zu einer Baumgruppe. Dort, auf einem Wiesenstück, gibt es seit Kurzem eine neue Gedenkstätte, die an die mysteriösen Hinterkaifeck-Morde erinnert. Hinterkaifeck, so hieß der inzwischen längst abgerissene Bauernhof etwas abseits von Gröbern, der in der Nacht des 31. März 1922 Schauplatz eines nie aufgeklärten Verbrechens wurde: Sechs Menschen wurden vor nunmehr 103 Jahren mit einem Hackwerkzeug für Waldarbeiter, einer sogenannten Reuthaue, brutal erschlagen. An die Opfer erinnern jetzt vier Stelen.
Hinterkaifeck – das ist ein mysteriöser Grusel-Mord, der bis heute ganze Kolonnen von Hobbyfahndern zu Nachforschungen animiert. An die Morde erinnerte früher ein Marterl. Das allerdings wurde vor einiger Zeit unter nie ganz geklärten Umständen entfernt, sagt Josef Fuchs, Bürgermeister von Waidhofen, zu dem Gröbern heute gehört. Die Gemeinde habe sich nicht finanziell engagiert, betont er. „Der Gartenbauverein hat sich dann der Sache angenommen.“ Das Grundstück stellte der Eigentümer der direkt an die Gedenkstätte angrenzenden riesigen Grünfläche zur Verfügung, auf der heute Rollrasen angebaut wird. Ein Steinmetz aus Schrobenhausen spendete die Stelen. Jede hat ihre eigene Bedeutung.
Eine Stele aus blaugrauem Stein soll die Kälte der Tat symbolisieren, der helle Stein daran erinnern, dass die Morde in einer Schneenacht geschahen. Die Ermordeten sind mit Bedacht auf verschiedenen Stelen eingraviert: die Mutter Victoria (35) mit ihren Kindern Cäcilia (7) und dem erst zweijährigen Josef auf einem Stein, die Dienstmagd Maria Baumgartner (45), die erst kurz zuvor auf dem Hof eingetroffen war und wohl ein Zufallsopfer war, auf einem zweiten Stein. Für die Hofeigentümer, die Eheleute Cäcilia Gruber (72) und ihren neun Jahre jüngeren Mann Andreas, gibt es einen eigenen, dritten Stein. Die Steine sind nur grob behauen – „als Ausdruck der Brutalität der Tat“, wie die Vereinsvorsitzende Monika Fuchs, Ehefrau des Bürgermeisters, bei der Einweihung betonte.
Er sei jetzt schon mehrmals zu der neuen Gedenkstätte mit seiner Frau spaziert, sagt Bürgermeister Fuchs. „Jedes Mal waren Leute mit Kameras da.“ Hinterkaifeck sei bis heute ein Mythos. Auf einer Homepage stellen Hobby-Kriminalisten ihre eigenen Theorien zum Mordfall auf. Mal soll es der Ortsbauernführer Lorenz Schlittenbauer gewesen sein, mal umherziehende Vagabunden, mal Karl Gabriel, der Ehemann von Victoria Gruber – der zwar im Ersten Weltkrieg gefallen war, aber vielleicht war das nur eine Finte. Sogar Andreas Gruber gerät immer wieder ins Fadenkreuz. Er ist zwar selbst Mordopfer, aber vielleicht hat er seine Familie ermordet und wurde danach von Schlittenbauer getötet, wer weiß? Auch weil die Polizei damals nur schlampig ermittelte und es zuließ, dass dutzende Schaulustige auf dem Hof herumliefen und Spuren verwischten, schießen die Theorien bis heute ins Kraut. „Hinterkaifeck ist schon ein Magnet“, sagt Bürgermeister Fuchs.
Der Autor Peter Leuschner beobachtet den Rummel nur aus der Ferne. Er hat 1978 das erste große Buch über die Morde geschrieben. Heute lebt der 78-Jährige mit seiner Ehefrau Helga auf Schloss Hofstetten (östlich von Eichstätt), das er selbst renoviert hat. Auch wenn ihn immer wieder Feriengäste in eine Diskussion verwickeln – eigentlich sei das Thema für ihn abgeschlossen. „Der Fall wird nie mehr zu klären sein.“ Aber „ich akzeptiere, dass Menschen eine Erinnerungsstätte brauchen“. Das Denkmal findet Leuschner gelungen. „Es sieht sehr würdevoll aus.“
DIRK WALTER