Das Husarenstück des Graffiti-Stars

von Redaktion

Sprayer Loomit über Kunst, Strafen und die erste besprühte S-Bahn vor 40 Jahren

Es lag noch Schnee: der besprühte, eigentlich weiß-blaue Geltendorfer Zug. © Cheech H. (2), Christian Boehm

40 Jahre später an derselben Haltestelle: Loomit, Blash und Don M. Zaza, dazu als Pappfiguren Roscoe, Roy und Zip.

Am Morgen nach der Tat: Cryptic2 (Loomit), Roscoe, Roy, Zip, Blash und Don M Zaza. Cheech machte das Bild.

Für ihn fast wie eine Leinwand: der Graffiti-Künstler Loomit in voller Montur vor einer S-Bahn in München. © Marcus Schlaf

München – Vor 40 Jahren besprühten sieben Jugendliche in Geltendorf eine S-Bahn der Linie S4. Ein ganzer Zug mit Graffiti, ein sogenannter „whole train“, das war neu und erregte in der damaligen jungen Graffitiszene Aufsehen. Kürzlich haben sich einige aus der Gruppe auf Initiative des Münchner Vereins zur Förderung urbaner Kunst wieder getroffen. Einer davon: Loomit (bürgerlich Mathias Köhler), heute ein international bekannter Münchner Graffiti-Künstler. Zum Interview in unserer Redaktion erscheint er mit Arbeitskleidung. Er ist auf dem Weg nach Traunstein, wo er – legal – Wände besprühen soll.

Loomit, die besprühte Geltendorfer S-Bahn war deine erste große Aktion. Wie lief das ab?

Es war eine eiskalte Nacht Ende März 1985. Geltendorf war gut, weil dort eine Abstellanlage für S-Bahnen war. Daneben war ein kleines Wäldchen, wenn was passieren würde, wäre da ein Fluchtweg. So um 9 oder 10 Uhr abends sind wir rausgefahren, sind dann einen großen Bogen gegangen bis zur Abstellanlage. Wir haben vom Wäldchen aus beobachtet, wie die letzten Putztrupps durch die S-Bahnen sind, und sind dann los.

In dunkler Nacht?

Im Gegenteil. Da war eine Flutlichtanlage. Aber kein Mensch zu sehen. Zweieinhalb bis drei Stunden haben wir eine komplette weiß-blaue S-Bahn, die ja aus drei Waggons bestand, besprüht. Jeder hatte eine Skizze, einen Plan, was er malt. Graffiti-Sprühen ist eine geplante Kommandoaktion, man muss ja wissen, was man malt und welche und wie viel Farbe man benötigt.

Was hast du gemalt?

Zwei Figuren und mein Logo Cryptic2 mit viel Grün und Pink, etwa zehn bis zwölf Dosen habe ich wohl verwendet. Cryptic2, die versteckte Zwei, also meine zweite Identität, nicht Loomit. Da wurde die Identifizierung für die Polizei schwieriger.

Wie ging es dann weiter?

Um etwa halb fünf waren wir fertig. Dann sind wir entlang der Schienen bis nach Türkenfeld gelaufen. Dort entstand das berühmte Foto in dem Wartehäuschen. Dann sind wir in die erste S-Bahn gestiegen und nach München gefahren. Erst mal schlafen. Am Nachmittag sind wir zu dritt noch mal raus, ich hatte Dosen dabei, weil ich etwas ausbessern wollte. Der Zug stand immer noch da. Niemand hatte etwas bemerkt, es war ja Sonntag und wenig los. Dann konnten wir tatsächlich noch mal an den Zug ran für letzte Verbesserungen und haben auch Fotos gemacht.

Und dann?

Am Montag bekamen wir nichts mit. Am Dienstag stand es in allen Tageszeitungen – da haben wir gewusst, es hat doch jemand mitbekommen.

Die Reaktionen schwankten zwischen Empörung und Bewunderung. Ein Lokführer sagte: „Das müssen Künstler gewesen sein. Aber eigentlich ist es eine Schweinerei.“ Die Bundesbahndirektion erstattete Anzeige.

Die für Geltendorf zuständige Bahnpolizei Augsburg ermittelte. Am Ort wurde eine linke WG durchsucht, die hatten damit aber gar nichts zu tun. Wir waren damals aber nicht untätig, haben viele leer stehende Gebäude im Umfeld des Flohmarkts, den es damals an der Dachauer Straße gab, bemalt – übrigens legal, der Pächter war einverstanden. Das erregte Aufsehen – auch der Polizei, die uns observierte und uns dann auch durchsuchte. Ich hatte eine gute Anwältin, die mir meine Rechte erklärte.

Wurden alle sieben Sprayer bestraft?

Nein, nur vier, drei wurden nie ermittelt. Ich erhielt eine 17-seitige Anklageschrift, wobei der Geltendorfer Zug nur ein Punkt unter vielen war. Der Richter wertete Graffiti an Wänden als Sachveränderung, nicht als Sachbeschädigung. Letztlich erhielt ich 120 Sozialstunden aufgebrummt, dazu Reinigungskosten von 2500 D-Mark pro Nase. Es schmerzte, aber war aushaltbar.

Was wurde aus den Zug-Sprayern?

Mit Roy und Zip haben wir den Kontakt verloren, sie haben sich bald aus der Graffitiszene zurückgezogen, obwohl sie für die damalige Zeit unheimlich gute Sprüher waren. Roscoe ist an Krebs gestorben. Cheech, der damals das Foto im Türkenfelder Wartehäuschen machte, ist in die Dominikanische Republik ausgewandert, aber ich habe schon noch Kontakt zu ihm. Die anderen sind auch noch in Kulturprojekten engagiert.

Sprayen ist Kunst, aber illegal und vielen Fahrgästen ein Ärgernis. Wie stehst du dazu?

Zunächst ist es nur ein Medium, aber viele haben einen ästhetischen Anspruch bei der Begehung von Sachbeschädigung. Als Jugendlicher ist man getrieben, Grenzen auszuloten, und hier wird beides verbunden .

Weißt du eigentlich, was aus dem Geltendorfer Zug geworden ist?

Nee, keine Ahnung.

Die Kollegen vom Bahnportal Drehscheibe haben es rausbekommen. Der Zug mit der Baureihennummer 420 092-9 wurde 1991 orange-lichtgrau lackiert. 2004 wurde er in Trier verschrottet. Dabei war es ein Olympia-Zug, der schon 1971 eingesetzt worden war.

Schade eigentlich. Ein trauriges Ende.

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