In einer Vermisstenbildliste findet Werner Ludwig auch ein Bild seines verschollenen Großvaters.
500 Regalmeter voller Schicksale: der Historiker Maximilian Fixl im Suchdienst-Archiv.
Auf den Spuren seines Großvaters: Der DRK-Suchdienst konnte Werner Lustig bei seiner Anfrage helfen. © Achim Frank Schmidt (3)
München – Werner Lustig hat seinen Großvater nie kennengelernt. Weder seine Großmutter, noch seine Mutter wussten, wie er ums Leben gekommen ist. „Das war für meine Familie immer eine große Belastung“, sagt der Münchner. 1939 wurde sein Opa eingezogen, er diente im Zweiten Weltkrieg in der 17. Panzerdivision, kehrte aber nie nach Hause zurück. Seine Mutter bewahrte in ihrem Nachtkästchen alte Briefe von ihm auf, die er von der Front geschickt hatte. Der letzte stammt vom 7. Januar 1945 – danach gab es nie wieder ein Lebenszeichen. Werner Lustigs Großmutter und seine Mutter sind inzwischen gestorben – die Antwort auf die Frage, die ihr ganzes Leben prägte, haben sie nie bekommen.
Auch Werner Lustig hat das Schicksal seines Großvaters nicht losgelassen. Deshalb hat er vor einem Jahr eine Anfrage an den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes gerichtet. Und vor sechs Monaten lag die Antwort, nach der seine Familie seit 80 Jahren suchte, plötzlich im Briefkasten. „Mein Vater ist im Februar 1945 in einem kleinen Ort in Polen gefangen genommen worden“, berichtet er. Er wurde in ein Sanatorium gebracht, dort starb er im März 1945. Mehr Details weiß Lustig nicht – mehr brauche er aber auch nicht, sagt er.
Seine Anfrage war eine von rund 7000, die den DRK-Suchdienst im vergangenen Jahr erreicht haben. Acht Jahrzehnte nach Kriegsende kommen die meisten von Kindern, Enkeln, Neffen oder Nichten der Verschollenen. Bei rund 43 Prozent der Fälle kann der Suchdienst dabei helfen, das Schicksal der Vermissten zumindest teilweise aufzuklären. Denn allein die Zentrale Namenskartei enthält rund 50 Millionen mittlerweile digitalisierte Karteikarten, die Auskunft über den Verbleib von 20 Millionen Menschen geben können. Außerdem umfasst das Archiv des Suchdiensts seit den 1990ern sowjetische Kriegs- und Zivilgefangenenakten, die in mehr als 270 000 Fällen Auskünfte über Vermisste gaben.
Noch lange nicht alles im Archiv ist digitalisiert. Die Kästen und Kartons mit alten Dokumenten sowie die Bände mit Vermisstenbildern umfassen über 500 Regalmeter, sagt der Historiker Maximilian Fixl, der einer von 34 Mitarbeitern am Standort in München ist. Auch Unterlagen aus Konzentrationslagern, alte Postkarten aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft und archivierte Heimkehrer-Aussagen befinden sich in den Regalen. Gerade in den ersten Nachkriegsjahren waren sie die Hauptquelle für den Suchdienst.
Zwischen 1945 und 1950 erreichten das Rote Kreuz 14 Millionen Anfragen. Seit 1959 gingen 2,5 Millionen Anfragen ein, 1,2 Millionen davon konnte der Suchdienst aufklären. Nicht alle beziehen sich auf Schicksale im Zweiten Weltkrieg. Gut 1600 betreffen Internationale Suchen, mehr als 5300 Schutzsuchende und Spätaussiedler. Die Arbeit des Suchdienstes wird vom Bund mit zwölf Millionen Euro gefördert. „Die Finanzierung ist bis 2028 gesichert“, berichtet DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt. Sie ist zuversichtlich, dass die Förderung verlängert wird. „Alle Argumente sprechen dafür“, sagt Hasselfeldt. Der Bedarf sei auch 80 Jahre nach Kriegsende konstant groß. „Die Arbeit des Suchdienstes hält Familien zusammen“, betont sie. „Sie ist nicht nur für Betroffene unendlich wertvoll, sondern auch ein Stück Erinnerungskultur für unser Land.“ Zudem ist die Arbeit auch wichtig für Familien, die durch heutige Kriege getrennt wurden. Allein aus Syrien seien 2800 Vermisste registriert. Jede einzelne Suchanfrage ist eine Geschichte. „Und hinter jeder steht viel Hoffnung“, sagt Frauke Weber, Leiterin der Suchdienst-Leitstelle.
Werner Lustig ist heute das erste Mal im Archiv des Suchdienstes. Maximilian Fixl zeigt ihm den Vermisstenband, in dem ein Bild seines Großvaters abgedruckt ist – mit Name, Geburtsdatum und -ort. Schweigend betrachtet der Münchner das Bild des Mannes, den er nie kennenlernen durfte, der aber sein Leben lang so präsent in seiner Familie war. Lustig hat seinen Frieden gefunden, seit er die Auskunft des Roten Kreuzes bekommen hat. Er kann die Vergangenheit jetzt ruhen lassen. Seiner Mutter und seiner Großmutter hätte er diesen Frieden auch gewünscht.
KATRIN WOITSCH