Heute Rarität, früher Exportschlager: Diese Karten mit Altbayerischem Bild entstanden um 1750. © Matthes-Sammlung
Nachhaltigkeit im Wirtshaus: Diese Kartenpresse ist über 100 Jahre alt und stammt aus Oberfranken. © Maximilian Brückner (2)
Der älteste Herz-Unter von circa 1470. © Hist. Verein Schongau
Vier Männer – und eine hitzige Schafkopf-Partie im Wirtshaus. Der Stich aus der Zeit um 1885 ist digital restauriert worden. © IMAGO/Tschanz-Hofmann
Regensburg – Dieser Herz-Bube ist eine Sensation. Nur die Arme des Stangenfechters und ein einzelnes Herz auf der Spielkarte sind rot gefärbt. Im Vergleich zu heutigen Kartendecks kommt sie echt farblos daher. Der Herz-Bube muss auch ohne opulente Locke und Spitzbärtchen punkten. So war das eben vor gut 550 Jahren, als die älteste heute bekannte Gebrauchsspielkarte Deutschlands um das Jahr 1470 hergestellt worden ist. Aber die Kartler, die sie damals in der Hand hielten, hatten wohl nicht weniger Freude am Spiel als ihre Nachfahren heute. Bube, Belli und Sau wirbeln ja noch immer über unsere Stammtische.
Der sensationelle Herz-Bube stammt aus Bayern. Im Jahr 2000 wurde die Spielkarte in Schongau mit weiteren bei einer Sanierung gefunden. Ab Samstag kann sie in Regensburg in der Ausstellung „Sau sticht König“ im Haus der Bayerischen Geschichte bewundert werden. Über Jahrhunderte hinweg sind Spielkarten in Handarbeit hergestellt worden, sagt Kunsthistoriker und Ausstellungskurator Timo Nüßlein. „Mit Holzschnitt-Modeln konnten beliebig viele Kopien eines Bildes auf Papier gedruckt werden. Per Schablonen wurde Farbe aufgetragen.“
Experten wie Nüßlein sind sicher: „Bayern ist schon lange eine Kartler-Hochburg.“ Die Anfänge dieses (Glücks)spiel-Mekkas liegen im Spätmittelalter. Damals bringen wohl reisende Händler die ersten Kartenspiele aus China über Italien nach Nordeuropa. „Der früheste Hinweis, dass nördlich der Alpen gekartelt wird, stammt aus Regensburg“, sagt Nüßlein. „Bereits 1378 hat der Stadtrat hier ein Spieleverbot ausgesprochen, um der um sich greifenden Spielwut Einhalt zu gebieten.“ 1380 zieht Nürnberg mit strengen Regeln nach, 1391 auch Augsburg.
Trotzdem: In Bauernstuben, Wirtschaften, Kasernen, auf dem Schlachtfeld, an Universitäten, in Schlössern und noblen Salons wird weitergekartelt. Die Bayern spielen für ihr Leben gerne, egal welche Schicht. Die Obrigkeit wittert ein Geschäft. Schon im Mittelalter erlassen Städte Steuern auf Spiele, in Preußen gilt ab 1714 ein staatliches Kartenhandelsmonopol. Kaiser Wilhelm I. erhebt dann 1878 die Stempelsteuer: „Für jedes Kartenspiel mit bis zu 36 Blättern werden künftig 30 Pfennig fällig, für alle anderen fünfzig Pfennig.“ Jedes Herz-Ass wird gestempelt. Erst 1981 wird die Spielkartensteuer in der Bundesrepublik abgeschafft.
All das ist dokumentiert. Über die Jahrhunderte bezeugen aber auch Gemälde die Beliebtheit der Spielkarten: „Die älteste Darstellung von Kartenspielenden befindet sich auf einem Wandteppich aus dem Jahr 1410 aus Regensburg“, sagt Timo Nüßlein. An der Donau kommt zu der Zeit ganz Europa zusammen. Später wird das Altbayerische Kartenbild sogar zu einem der ersten Exportschlager Bayerns. „Nach dem Dreißigjährigen Krieg wird es erstmals in Augsburg gedruckt und breitet sich in den folgenden 150 Jahren bis nach Österreich, Böhmen und sogar Sankt Petersburg aus.“
Ein luxuriöser Pokertisch ist keine neue Erfindung. Passionierte Kartler stehen seit eh und je auf passendes Zubehör: In jeder Wirtschaft glättet früher eine hölzerne Presse die Karten nach hitzigen Abenden. Adelige und vermögende Unternehmer lassen sich solche Pressen aus Silber oder Perlmutt anfertigen.
Über die Jahrhunderte sind viele Spiele vergessen worden oder aus der Mode gekommen. Manche werden heute nur noch in bestimmten Landstrichen gepflegt. Schafkopfen, Grasobern, Watten, Wallachen und Tatteln sind nur einige Beispiele für Spiele mit Schelle, Herz, Gras und Eichel. Haferltarock gilt als urbayerischster Mix aus Tarock, Schafkopf und Skat. „Im 18. Jahrhundert werden Spielkarten erstmals für Gauklertricks und Esoterik zweckentfremdet“, sagt Nüßlein. „Schon zur Zeit Napoleons sollen sich selbst ranghohe Militärs den Ausgang von Schlachten von Kartenschlägerinnen weissagen haben lassen.“ Um 1900 karteln so viele Menschen wie nie zuvor. „Fabriken können Kartensätze en masse günstig produzieren. Und elektrisches Licht macht die Nacht zum Tag. Zu dieser Zeit finden Redewendungen wie ‚schlechte Karten haben‘ oder ‚aus dem Schneider sein‘ Eingang in die Alltagssprache.“
So gut wie jeder tut es – und doch gilt die Kartlerei lange als anstößig. Der schlechte Ruf begleitet sie von Anfang an. Nicht, weil oft um Geld gespielt wird. Wohl, weil sich dahinter ein gewisses Revoluzzertum versteckt. Sozusagen ein Aufmucken von unten her. „Schon seit dem 16. Jahrhundert ist es in Bayern üblich, die höchste mit der niedrigsten Spielkarte zu stechen“, sagt Nüßlein. „Der Zweier oder Daus wird hier bis heute Sau genannt und entsprechend illustriert.“ Ein Affront, gilt der König doch als Stellvertreter Gottes auf Erden gilt. Den bekannten Wandermönch Abraham a Sancta Clara lässt das „säuische Spiel“ damals im Dreieck springen: Wo „die Säu mehrer gelten als ein König“ wird die weltliche Ordnung völlig aus den Ankern gesprengt. Wie schön hallt da der Titel der Ausstellung in Regensburg nach? Sau sticht König.
CORNELIA SCHRAMM
Die Ausstellung
„Sau sticht König – Spielkarten aus Bayern“ zeigt das Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg ab Samstag bis 19. April 2026 (Di-So 9-18 Uhr). Am Samstag finden dort auch Schafkopf-Kurse und -Turniere statt. Infos unter www.hdbg.de.